Österreichs wm-plan: rangnick jagt die 28-jahre alte sehnsucht
In exakt 100 Tagen rollt endlich wieder ein WM-Ball für Österreich. Seit 1998 wartet das Land auf diesen Moment – und nun zieht Teamchef Ralf Rangnick die letzten Fäden stramm. Der ÖFB hat das Quartier am Pazifik gebucht, zwei Testspiele terminiert und zwei deutsche Junioren-Stars an der Angel. Die Sehnsucht ist messbar: 28 Jahre, 102 Tage, 17 Stunden.
Marbella, ghana, südkorea – dann wird gezählt
Am 23. März startet die Countdown-Woche in Marbella. Vier Tage Dauerspiel, danach Duell gegen Ghana im Happel-Stadion. Drei Tage später kommt Südkorea. Dazwischen ersteht das neue ÖFB-Campus in Wien-Aspern – ein Symbol, das auch die Umwelt mitbekommen soll: Österreich will nicht nur dabei sein, es will angekommen sein.
Die Kader-Nennung folgt am 16. März. Wer am 1. Juni beim letzten Test gegen Tunesien im Wiener Prater steht, hat das Ticket in der Tasche. Rangnick fliegt mit 23 bis 26 Spielern, mindestens drei Keepern. Verletzt? Kein Problem: FIFA erlaubt bis 24 Stunden vor dem Auftakt gegen Jordanien einen Nachrücker. Für Torleute gilt das durchs ganze Turnier.

Chukwuemeka und wanner: deutsche talente, österreichische herzen
Carney Chukwuemeka lief bisher für England auf, spielt aber in Wien geboren für Borussia Dortmund. Paul Wanner war Bayern-Münchens Wunderkind, hat eine österreichische Mutter und könnte sich vor der PSV-Kamera umentscheiden. Beide sind 20 oder jünger, beide stehen auf Rangnicks Longlist. Ein einziger Anruf, und das Mittelfeld bekommt Tempo, das seit Andreas Herzog nicht mehr da war.
Die Entscheidung fällt spätestens am 11. Mai, wenn die FIFA ein 35- bis 55-köpfiges Vordossier verlangt. Darin steckt auch Rangnicks Zukunft: Sein Vertrag läuft nach der WM aus, doch ÖFB und der 67-Jährige wollen vor dem Flug nach Kalifornien Klarheit. Keine Show, nur Logistik. „Wir wollen nicht erst nach dem Turnier reden“, sagt ein Verbandsinnerer.

Santa barbara statt sausalito: luxus mit strategischem kalkül
Ab 4. Juni residiert das Team im Ritz-Carlton Bacara, Goleta, zehn Minuten vom Campus der University of California Santa Barbara. Kein Zufall: Das Klima ist trocken, die Zeitzone nur neun Stunden vor Wien, und die Gegner in der Gruppe B kommen aus Argentinien, Jordanien, Algerien – alles Teams, die Hitze gewohnt sind. Österreich trainiert dort, wo sonst Surfer wellenreiten.
Letzter Testspielgegner gesucht: Mittel- oder Südamerika, vielleicht Afrika. Termin 8. bis 10. Juni, irgendwo um Los Angeles. Dann geht’s nach Kansas City, wo am 28. Juni um 4.00 Uhr MESZ die Gruppenphase endet. Sollte Österreich Zweiter werden, kehrt der Tross für das Achtelfinale zurück nach Santa Barbara. Die FIFA übernimmt die Charter, das ÖFB-Reisebüro nur noch die Fan-Sehnsucht.
Die Delegation ist schon vor Ort: Geschäftsführer Bernhard Neuhold, Co-Trainer Lars Kornetka, Koch Fritz Grampelhuber. Sie checken WLAN-Stärke, Salzgehalt im Pool, Abstand zwischen Teambus und Training. „Eine WM auf einem anderen Kontinent ist keine EM mit längerer Flugzeit“, sagt Neuhold. Die Zeitverschiebung sei nur die halbe Miete – die andere Hälfte heißt Erwartung.
1998 schied Österreich nach der Vorrunde aus, seither schauten sie nur noch zu. Jetzt haben sie 100 Tage, um 28 Jahre wettzumachen. Die Zahlen sind knapp hintereinander gereiht: 28 Jahre, 102 Tage, 17 Stunden. Und einer, der die Uhr aufzieht: Rangnick. Wenn am 17. Juni in Dallas endlich wieder Anstoß ist, zählt nur noch ein Datum: der 19. Juli – Finale in New York. Dort will Österreich nicht zusehen, dort will es dabei sein.
