Olise entzaubert bergamo – applaus vom feind, suspendierung vom schicksal

Ein Schritt nach rechts, zwei Ballberührungen, dann der Bogen – Michael Olise schraubte sich in der 68. Minute in die Luft und schlug die Kugel mit dem linken Spann in den Torwinkel. Die New Balance Arena hielt kurz den Atem an, dann kochte sie über. Blauschwarze Fans klatschten. Ausgerechnet sie.

Bergamo klatscht, olise lacht – und bayern zieht davon

6:1 lautete der Befund nach 90 Minuten, doch die Zahl täuscht. Es war eine Demontage, die schon nach einer halben Stunde zur Vorführung wurde. Olise traf doppelt, leitete das 3:0 ein, ließ drei Gegenspieler mit einer einzigen Körpertäuschung stehen und verpasste kurz vor Schluss noch das Kunststück zum 7:1. Die italienische Presse nannte es „passeggiata bavarese“, einen bayerischen Spaziergang – gemeint war: Erlebniswanderung mit Foltercharakter.

Was die Kuriosität perfekt machte: Die Curva Nord sang nach dem 5:0 nicht etwa gegen den Gegner, sondern schmetterte ein kurzes, respektvolles „Olè, Olise!“ in den kalten Abendhimmel. Auf X kursiert ein 12-Sekunden-Clip, der zeigt, wie ein Fan in der 17. Reihe die Daumen hoch zeigt – und dabei seine Atalanta-Fahne umklammert. Das ist der Moment, in dem Fußball seine Mission erfüllt: Er macht selbst den Erzfeind zum Mitspieler.

Freiheit statt fesseln – die innenansicht des starters

Freiheit statt fesseln – die innenansicht des starters

Olise selbst sprach nach dem Spiel von „Raum, den mir der Coach gibt“. Gemeint ist nicht nur die Zone zwischen Rechtsaußen und Zehnerposition, sondern die Lizenz zur Improvisation. „Wenn ich den Ball habe, soll ich meinen Mann schlagen – dribbeln, schießen, was auch immer“, sagte der 24-Jährige dem US-Sender CBS. Das klingt nach Ego, ist aber Taktik. Vincent Kompany hat Olise nicht gekauft, um ihn in ein Korsett zu schnüren, sondern um ihn als Zone-Brecher einzusetzen. Die Zahlen sprechen für sich: In den letzten fünf Pflichtspielen stehen vier Tore und drei Assists. Die Expected Goals-Quote pro Schuss liegt bei 0,27 – nur Harry Kane liegt bei den Bayern höher.

Doch die Nacht hatte einen Haken. Nach 79 Minuten zögerte Olise bei einem Eckstoß, zog sich die Kugel anschlusslos zurück und kassierte Gelb – seine dritte dieser K.-o.-Phase. Konsequenz: Er fehlt im Rückspiel. Die UEFA verleiht ihm die Man-of-the-Match-Trophäe, aber sie entzieht ihm die Bühne. Ironie des Profifußballs: Du wirst gefeiert und gesperrt im selben Atemzug.

Bayern ohne zauberer – kompany muss umbauen

Bayern ohne zauberer – kompany muss umbauen

Ohne Olise droht die Partie gegen Atalanta zur Geduldsprobe zu werden. Kompany wird wohl auf Leroy Sané oder Kingsley Coman ausweichen – beide haben Laufzeit, aber nicht Olises Tempo-Wechsel im engen Raum. Die Statistik gibt Rätsel auf: In den 14 Spielen mit Olise in der Startelf erzielte Bayern 3,9 Tore pro 90 Minuten, ohne ihn nur 2,4. Die Passquote in den letzten 20 Metern fällt um neun Prozentpunkte. Kurz: Olise ist nicht nur Torgeber, sondern auch Katalysator.

Die gute Nachricht: Das 6:1 wirkt wie ein mentaler Vorverkauf fürs Viertelfinale. Selbst wenn Atalanta in München gewinnt, braucht sie einen Fünfer, um die Bayern zu verdrängen. Und die Allianz Arena hat seit 23 Europapokal-Heimspielen nur einmal Verlängerung gese – damals gegen Sevilla, ausgerechnet mit einem Freistoß von Thiago. Geschichte liebt Wiederholungen, nur eben nicht in Serie.

Olise selbst wird stattdessen am Mittwochabend in der Kabine sitzen, Kopfhörer auf, Tablet in der Hand. Er wird die Lücken studieren, die er nächste Runde wieder selbst rennen will. Denn sein Ziel bleibt klar: „Wenn du bei Bayern spielst, willst du alles gewinnen – Scudetto, Pokal, ChampionsLeague.“ Die Fans in Bergamo haben ihm applaudiert, die Fans in München warten darauf, dass er zurückkommt und weitermacht, wo er aufgehört hat: mitten ins lange Eck, mitten ins Herz des Gegners.