Oksana masters schreibt paralympics-geschichte: gold trotz krankenhaus
Oksana Masters spuckt Blut, schießt wie ein Roboterkopf und trägt trotzdem die Krone. Die 35-Jährige jagt in der französischen Nacht ihre zehnte Goldmedaille über die Linie – und macht dabei ihre eigte Lebensgeschichte noch ein Stück unwahrscheinlicher.
Vom krankenbett zurück aufs podest
Vor drei Wochen lag sie noch an einem Infusionsständer in Italien, heute steht sie oben, Arm in Arm mit der US-Flagge. „Ich wollte nur eine schöne Zeit auf dem Schießstand verbringen“, sagt sie mit tränenfeuchtem Blick. Stattdessen feuert sie im Biathlon-Sprint ohne Fehler und lässt selbst ihre Teamkollegin Kendall Gretsch hinter sich. Anja Wicker aus dem deutschen Stall krallt sich trotz zwei Streifern Bronze – ein Kraftakt, der zeigt, wie eng die Weltspitze zueinander rückt.
Die Zahl 10 steht jetzt in ihrem Medaillenspiegel – und das ist nur die Goldspalte. Insgesamt 20 Paralympics-Medaillen aus vier Winter- und vier Sommerspielen. Wer das schafft, der kommt nicht von irgendwo, sondern aus der Sperrzone von Tschernobyl.

Strahlen, waisenhaus, neue hüfte
Die Ärzte in Chmelnyzkyj halten sie 1989 für ein medizinisches Wunder. Halbe Beine, verkümmerte Hände, eine Niere. Die Nuklearkatastrophe liegt drei Jahre zurück, der Zusammenhang liegt auf der Hand. Ihre leiblichen Eltern geben sie ab, das Waisenhaus wird zur Turnhalle des Hungers. Bis eine Amerikanerin sie aus einem Katalog zieht und nach Buffalo holt. Dort wartet nicht nur ein neues Zuhause, sondern auch ein OP-Terminkalender. Beide Beine weg, oberhalb der Knie. Dafür kommt später eine Leidenschaft, die nicht schmerzt: der Sport.
Mit 17 sitzt sie erstmals im Ruderboot, mit 22 hängt sie sich in London die erste Medaille um. Rückenprobleme zwingen sie raus aus dem Wasser, rein in den Schnee. Das Handbike kommt als Sommerfrische dazu. Die Sponsoren rennen ihr hintenher, die Quoten steigen, das Publikum liebt das Mädchen, das sich selbst rettet.
Paris liefert das nächste Kapitel. Nach dem Rennen schluchzt sie in die Mikrofone: „Sport hat mir geholfen, mich selbst zu lieben. Zu lieben, was ich im Spiegel sehe.“ Kein Pathos, nur eine Tatsache, die sich in 24 Stunden rund um den Globus klickt.
Masters will noch nicht abschalten. Schon morgen geht’s zur Langdistanz, wo sie auf Podest-Kurs Nummer 11 starten könnte. Wer zehn Mal Gold holt, der kennt kein Zurück. Und wer aus Tschernobyl kommt, der fürchtet sich nicht vor dem nächsten Startschuss.
