Oksana chusovitina schreibt mit 50 jahren weiter weltcup-geschichte
Oksana Chusovitina springt. Noch einmal. Immer noch. Mit 50 Jahren landete die usbekische Turnikone am Wochenende im aserbaidschanischen Baku auf Rang sieben des Weltcups im Sprung – umgeben von Konkurrentinnen, die sie locker als Patenkind hätte einladen können.
Das duell mit der zeit beginnt neu
13,333 Punkte beim ersten Sprung, 11,266 nach einem Fehler im zweiten Durchgang. Die 12,299 Gesamtpunkte reichten nicht fürs Podest, doch die Zahl, die wirklich zählt, steht im Pass: geboren 1975. „Ich bin einfach glücklich, noch dabei sein zu dürfen“, sagt sie, während die 16-jährige Russin Anna Kalmykova über ihr die Goldmedaille umgehängt bekommt. 33 Jahre Altersunterschied. Ein Satz, der erst beim zweiten Lesen schwindelt.
Die Qualifikation hatte Chusovitina noch als Dritte beendet, direkt hinter Kroatiens Tijana Korent (36) und vor Japans Shoko Miyata (21). Die Ukrainerin Bohdana Kovalova, Vierte im Finale, ist 14 Jahre alt. Drei Jahre vor Chusovitinas erstem Olympia-Start 1992 in Barcelona wurde sie geboren.

Barcelona 1992 – und was danach kam
Dort holte sie Gold mit der Unified Team, danach wechselte sie die Nationalität zweimal, startete für Usbekistan und später für Deutschland, kehrte zurück. Ihr Sprungtisch wurde zum Unikum der Sportgeschichte: Sechs Präsidenten, sieben Sommerspiele, ein Dutzend Weltmeisterschaften. Doch die eigentliche Geschichte spielte abseits der Matte.
Vor zwölf Jahren diagnostizierten Ärzte ihrem Sohn Lev Leukämie. Chusovitina verkaufte Medaillen, nahm jeden Wettkampf, der Startgeld bot, flog zwischen Klinik und Training. Lev wurde gesund, sie blieb. „Ich habe aufgehört, über Rücktritt nachzudenken“, sagt sie. „Das Leben schreibt die Termine.“

Die zahlen, die nicht lügen
Trainingsumfang: 30 Stunden pro Woche. Rekord: älteste Turn-Weltmeisterin aller Zeiten, 2003 mit 27 Jahren. Sprung-Code: Rudi (1,5-facher Salto mit 1,5-fachem Twist), Schwierigkeitswert 5,4 – identisch mit dem der Favoritinnen, die gerade Abi machen. Ihr Körper altert, die Technik nicht.
Die Verbände änderten im Frühjahr die Startrecht-Regeln: Wer älter als 45 ist, braucht ein ärztliches Gutachten pro Start. Chusovitina lieferte es innerhalb von 24 Stunden. „Ich bin keine Legende“, sagt sie, „ich bin einfach noch nicht fertig.“
Was bleibt, wenn alles andere geht
Im Mixed Zone fragt niemand mehr nach Tokio 2020, aber alle fragen nach Paris 2024. Sie lacht, zuckt mit den Schultern. „Wenn der Körper mitspielt, warum nicht?“ Ihre Konkurrentinnen feiern sie wie eine Mentorin, die sie nie hatte. Nach dem Finale tauschen sie TikTok-Handles, Chusovitina gibt Tipps für Landungen – und eine Warnung: „Trainiert eure Knöchel, nicht eure Follower.“
Die Tage, an denen sie für Medaillen sprang, sind gezählt. Die Tage, an denen sie Geschichte schreibt, nicht. In Baku packte sie ihre Handtasche, verstaute die Startnummer, ging zur Halleentür. Draußen warteten Fans mit Poster aus den 90ern. Sie unterschrieb, posierte, verschwand. Der Weltcup geht weiter, die Uhr auch. Nur Oksana Chusovitina stellt sie ab und stellt sich neu ein.
