Ogunleye jagt 20-meter-traum: medaille oder nichts

Yemisi Ogunleye fliegt nach Torun, um zu zeigen, dass 20,37 Meter kein Zufall waren. Die Olympiasiegerin will in der Arena auf der Weichsel die Kugel so weit schleudern, dass selbst die favorisierten Kanadierinnen und Chinesinnen den Atem anhalten.

Die 20-meter-marke ist keine magie mehr

Seit sie in Dortmund die 20-Meter-Schallmauer durchbrochen hat, spricht keiner mehr vom „Kann-sie-wirklich?“-Modus. Drei Konkurrentinnen haben 2026 ebenfalls die Marke übertroffen – doch keiner von ihnen trägt Olympia-Gold im Gepäck. Ogunleye selbst lacht das weg: „Ich will natürlich 20 Meter anbieten. Das ist immer der Anspruch an mich selbst.“ Der Satz klingt wie ein Mantra, das sie seit Glasgow 2024 im Kopf hat, als sie mit 19,95 m Silber holte und zum ersten Mal bewies, dass sie in der Halle nicht nur dabei ist, sondern bestimmt.

Die Hallen-WM ist ihr zweites großes Ziel nach Paris 2024. Wer erwartet, dass sie sich auf dem Olympiapodest ausruht, kennt die 26-Jährige nicht. Ihr Trainer Michael Mertens meldete nach Dortmund nur kurz: „Sie ist hungriger als je zuvor.“ Die Zahlen sprechen für ihn: 19 Wettkämpfe seit Mai, 17 Siege, zwei zweite Plätze – und die 20,37 m als neue deutsche Hallenrekord.

Baden-württembergische armada rollt an

Baden-württembergische armada rollt an

Fast die Hälfte des 14-köpfigen DLV-Aufgebots stammt aus dem Südwesten. Ricarda Lobe peilt nach acht Jahren WM-Pause endlich wieder ein Halbfinale über 60 m Hürden an – mit 7,95 s Saisonbestzeit ist sie zwölft der Weltjahresbestenliste. Jacqueline Otchere wurde nachnominiert und springt bei 4,60 m Saisonbeste; ein Sprung über 4,70 m würde sie in die Top 8 katapultieren. Beide trainieren mit Ogunleye in Mannheim, wo der interne Wettkampf längst eröffnet ist.

Die 800-Meter-Hoffnungsträger Alexander Stepanov und Malik Skupin-Alfa haben noch nie eine WM gesehen – aber auch noch kein Rennen in dieser Hallensaison verloren. Stepanov fuhr nach Manchester, um mit einem britischen Tempomacher das Finale einzufahren. Sein Vater und Trainer Juri prophezeit trocken: „Wenn er 1:46 läuft, ist das Finale drin.“ Die Zeit klingt wie ein Schnäppchen, doch in Torun zählt nur der Tag.

Mehrkampf-geschichte sucht fortsetzung

Mehrkampf-geschichte sucht fortsetzung

Manuel Eitel wagt nach fünf Jahren Pause den Siebenkampf-Comeback – nicht um zu gewinnen, sondern um Punkte für Birmingham zu sammeln. Sandrina Sprengel, WM-Fünfte von Tokio, reist angeschlagen an, doch sie weiß: Selbst ein Vierkampf ohne Druck kann sie in die Top 10 bugsieren. „Ich habe keine großen Erwartungen“, sagt sie – und meint damit, dass sie trotzdem zupacken wird.

Die Hallen-WM ist kein Schaulaufen mehr. Sie ist die letzte echte Standortbestimmung vor der Sommersaison. Für Ogunleye bedeutet jeder Stoß eine Antwort auf die Frage, ob 20 Meter inzwischen Normalität sind. Für Stepanov und Skupin-Alfa ist sie der erste Beweis, dass deutsche Mittelstrecke nicht nur durch die Geschichte lebt. Und für den gesamten DLV zählt ein einziger Satz, den Ogunleye in Polen wiederholen wird: „Ich will 20 Meter anbieten.“ Wenn das klappt, steht Deutschland am Sonntagabend nicht nur mit einer, sondern mit mehreren Medaillen da.