Odermatt jagt die fünfte kugel: in kranjska gora droht den verfolgern das déjà-vu

Die fünfte Riesenslalom-Kugel in Serie ist keine Mathe-Aufgabe mehr, sondern eine Frage der Zeit. Marco Odermatt reicht am Samstag in Kranjska Gora ein Platz vor Lucas Pinheiro Braathen – und schon kann niemand ihn mehr stoppen. 103 Punkte Vorsprung, zwei Rennen, ein Ort, der ihm seit 2019 jedes Mal Applaus gespendet hat.

Kranjska gora ist sein zweites wohnzimmer

Andere Athleten sprechen vom „Hausberg“, Odermatt nennt es schlicht „Pflaster“. Er kam, sah, poderte – sieben Mal in Folge. Drei Siege, ein zweiter, drei dritte Plätze. Die Statistik klingt wie ein Tippfehler: 20 Prozent aller Schweizer Podestplätze in diesem slowenischen Kurort tragen seinen Namen. Kein anderer Eidgenosse kommt auch nur halbwegs nah.

Die Form? Da braucht kein Analyst Excel-Tabellen wühlen. Odermatt fuhr zuletzt in Aspen, Palisades und Hinterstoder weg, als hätte jemand den Schalter umgelegt. Die Konkurrenz schaut mehr auf seine Ski als auf die eigene Linie. Loic Meillard mag theoretisch noch 40 Punkte aufholen – muss dafür aber gewinnen. Und selbst dann bliebe ein Rennen, um 84 Zähler aufzustellen. Kurz: Es wäre ein Wunder, kein Sport.

Die waffe nennt sich „ruhe“

Die waffe nennt sich „ruhe“

Während andere auf Soundbites und Instagram-Stories setzen, flüstert Odermatt lieber mit Servicemann und Trainer. Kein Show, kein Stress. Nach dem ersten Training am Freitag verschwand er so schnell im Parkhaus, dass selbst slowenische Reporter den Atem anhielten. „Pudelwohl“ nannte er das einmal – und genau dieses Gefühl macht ihn unberechenbar. Wer sich in Kranjska Gora wohlfühlt, findet hier Spuren, statt sie zu verlieren.

Die Zahlen sind hart, die Gefühle weich. Sollte er tatsächlich die fünfte Kugel einsacken, stünde er bei der Zielveranstaltung in Saalbach nicht nur als Champion, sondern als lebende Legende da. Einzig Ingemar Stenmark holte mehr Kristall in einer Disziplin – und selbst der Schwede hatte irgendwann Skitag. Odermatt scheint keinen zu kennen.

Am Samstag, 9.30 Uhr, erste Durchfahrt. Die Sonne steht tief über den Karawanken, der Schnee glitzert, und irgendwo zwischen Start und Ziel wird wieder einmal die Frage beantwortet: wie viel Überlegenheit in einem einzigen Paar Ski steckt. Die Antwort lautet: genug, um Geschichte zu schreiben.