Norwegen-showdown: wücks mädels müssen auf kunstrasen liefern
5:0 gegen Slowenien war Schönmalerei. Am Samstag in Stavanger wartet der Gegner, der Deutschland wirklich vermiesen kann. Christian Wück lachte noch, aber hinter seinem Lächeln schimmerte die alte Angst: Kunstrasen, Norwegen, direktes Duell um Brasilien 2027.

Kunstrasen, lea schüller und die 71-prozent-frage
Dresden war ein Blitz, doch der Blitz schlug nicht in gleißende Zukunft ein, sondern in alte Baustellen. Während die Mädels jubelten, rechnete Wück still: 71 Prozent aller deutschen Auswärtspunkte gingen auf Kunstrasen verloren. Norwegen kennt die Zahlen. Sie haben sie selbst bestellt.
Die Skandinavierinnen starteten mit einem müden 1:0 in Wien, doch das täuscht. In den letzten zwölf Heimspielen kassierte Norwegen erst zwei Gegentore – beide im Freundschaftskick. Wenn es um Punkte geht, verwandelt sich der Ullevaal-Stadion in eine Festung. Wück weiß das. „Wir müssen die Räume kleiner schneidern als in Dresden“, sagt er und klingt plötzlich wie ein Handwerker, der ein defektes Regal reparieren muss.
Der Sieg gegen Slowenien lieferte erste Antworten. Camilla Küver und Rebecca Knaak formierten ein Abwehrbollwerk, das fast schon brutal wirkte. Larissa Mühlhaus träumte sich mit einem Volley ins Tor der Hoffnung. Shekiera Martinez lief wie ein Dauerbrenner, nur der Treffer fehlte. Und dann war da Lea Schüller, die Angreiferin, die seit Wochen mit dem Selbstvertrauen einer durchwachsenen Kopie röstet. Ihr zweiter Treffer wurde wegen eines Zentimeters Abseits abgepfiffen – ein Satz, der klingt, als hätte jemand das Wort „Glück“ umgegraben.
„Lea definiert sich über Tore“, sagt Wück und klingt dabei wie ein Mann, der seine Tochter zum ersten Mal allein zur Disco fährt. Er will die alte Schüller zurück, die vom FC Bayern nach Manchester wechselte und plötzlich Tore schoss wie andere Leute Briefe schreiben: routiniert, aber selten. Ihre beiden eingeschobenen Treffer gegen Slowenien waren keine Kunstwerke, sie waren Signale. Norwegen wird sie lesen.
Linda Dallmann, die mit dem 3:0 den Deckel draufsetzte, schwärmt wie ein Teenager über die eigene Offensive. „Wir waren variabel, haben uns bewegt, das hat funktioniert.“ Klingt nach Chemieunterricht, in dem plötzlich alle Farben explodieren. Doch die Chemie wird am Samstag einen anderen Boden bekommen: Kunstrasen, schneller, rutschiger, unberechenbar.
Die Norwegerinnen haben Spielerinnen, die auf Kunstrasen aufwuchsen. Caroline Graham Hansen dribbelt dort, als würde sie auf Teppichboden laufen. Ada Hegerberg braucht keine Einladung, um ein Tor zu erzielen, nur eine Ecke. Wück wird seine Mittelfeldmaschine umstellen müssen. Lena Oberdorf wird zur Abrissbirne, Sara Däbritz zur Dirigentin. Ein Fehler, und die Gruppenphase wird zur Achterbahn.
Die Zahlen sind gnadenlos: Deutschland gewann nur eins der letzten fünf Pflichtspiele in Norwegen. Das war 1998. Seitdem patzte man in Oslo, Tromsø, Bergen. Kunstrasen ist kein Detail, er ist ein Gegner. Und Gegner lieben Deutsche, die sich beschweren.
Doch die Auswahl hat eine Waffe, die in keiner Statistik steht: Shekiera Martinez. Die Stürmerin lief gegen Slowenien 11,3 Kilometer – mehr als jede andere. Sie presst, sie stört, sie zündet. Norwegen wird sie kennenlernen. Vielleicht reicht ein Tor, um die Festung zu sprengen. Vielleicht reicht ein Zentimeter, um Lea Schüller wieder zur alten Lea zu machen.
Die WM 2027 in Brasilien beginnt in Stavanger. Wer dort gewinnt, spart sich Play-off-Angst, Rechner-Finalspiele, Sommerloch-Qual. Christian Wück lächelt noch, aber sein Blick wandert schon nach Südamerika. Kunstrasen, Norwegen, 90 Minuten Wahrheit. Die Uhr tickt. Die Tore auch.
