Neun punkte abgrund: so hoffnungslos war der 3. liga-abstieg noch nie
Der Blick nach unten
tut weh. Neun Punkte trennen Erzgebirge Aue vom ersten rettenden Ufer, dem 16. Platz. So tief lag kein Drittliga-Keller zum 29. Spieltag seit Einführung der Liga 2008. Die Frage ist nicht mehr, ob Aue, TSV Havelse oder SSV Ulm runterrasseln, sondern wann der Knoten platzt.Warum der abstand historisch ist
33 Punkte hat der 1. FC Saarbrücken auf dem Konto – ein Wert, der in den meisten Jahren schon sicherer Mittelfeld bedeutet. Doch diesmal reicht es für Platz 16. Die 24 Zähler von Aue hingegen wären in manchen Saisons noch halbwegs im Soll gewesen. Die schleichende Inflation der Punkte oberhalb des Strichs trifft auf eine erbarmungslose Rückrunde der Verlierer. Konkret: Saarbrücken sammelte in den letzten zehn Spielen 17 Punkte, Aue holte in der gesamten Rückrunde zwei. Die Kurve zeigt senkrecht nach unten.
Die Statistik kennt nur zwei vergleichbare Rettungen. 2018/19 schaffte Eintracht Braunschweig ein Wunder, allerdings startete der Aufholjagd bereits am 18. Spieltag, nicht am 29. Carl-Zeiss-Jena kam in jener Saison noch auf acht Punkte Rückstand – und ging trotzdem vor die Hunde. Fazit: Wer zum Rückrunden-Auftakt nicht mindestens in Schlagdistanz liegt, fliegt. Punkt.

Die stimmung in den katakomben
In Aue herrscht Tiefschlag-Stimmung. Kein Sieg seit 15. Januar, nur zwei Remis, dazu zwei Trainerwechsel. Die Planungen für die Regionalliga laufen laut Insidern bereits auf Hochtouren. Auch in Hannover spricht niemand mehr vom Klassenerhalt – Havelse wartet seit 14 Partien auf einen Dreier, das Selbstvertrauen ist im Keller. SSV Ulm kann immerhin auf Trainer Pavel Dotchev setzen, der nach dem 1:3 gegen Osnabrück noch mit erhobenem Kopf sagte: „Wir streiten bis zum Schlusspfiff.“ Doch selbst Dotchev weiß: Motivation allein reicht nicht, wenn die Mannschaft seit sieben Spielen nicht gewinnen konnte.
Die Causa zeigt, wie schnell sich eine Saison entkoppelt. Nach der Hinrunde betrug der Rückstand von Aue auf Platz 16 noch vier Punkte. Seitdem rauschten die Veilchen durch die Gegner wie ein Zug ohne Bremsen, während die Konkurrenz zog. Die Tabelle lügt nie – und sie lügt diesmal besonders grausam.
Der 30. Spieltag wird die endgültige Vorentscheidung bringen. Aue gastiert beim bereits geretteten SC Verl, Havelse empfängt den aufstiegswilden Dynamo Dresden. Bei neun Punkten Rückstand und nur noch fünf Spielen bleibt rein rechnerisch ein Himmelfahrtskommando. Die Fans in der Erzgebirgeshalle haben bereits erste Proteste angekündigt, sollte der Abstieg besiegelt werden. Die Saison 2023/24 wird als die mit dem breitesten Abgrund in die 2. Amateurliga eingehen – und als die mit dem lautesten Aufschrei der Ungläubigen.
