Kretzschmar bricht schweigen: wie siewert nach dem zweiten schlaganfall zurückkämpft

Ende Oktober schlug das Schicksal erneut zu. Jaron Siewert, der Mann, der die Füchse Berlin zur Meisterschaft führte, erlitt seinen zweiten Schlaganfall innerhalb weniger Monate. Stefan Kretzschmar spricht nun erstmals über die Stunden des Schreckens.

„Er kämpft wie ein löwe“

„Ich war dabei, als die Nachricht kam. Das Telefon vibrierte nicht einfach – es bebte“, sagt Kretzschmar im Dyn-Vodcast „Kretzsche & Schmiso“. Seine Stimme bröckelt, obwohl er sich müht, professionell zu bleiben. „Jaron ist kein Kollege mehr, das ist mein Bruder geworden.“

Der 53-Jährige, einst selbst Spielmacher mit Eckenstärke, heute Sportvorstand im Ruhestand, erlebte mit Siewert die höchsten Siege der Hauptstädter. Nun sitzt er im Home-Office, starrt auf ein Foto aus besseren Tagen: 2019, Berlin feiert die Meisterschaft, Siewert hält die Trophäe, Kretzschmar klatscht ab. „Damals dachten wir, wir wären unbesiegbar.“

Was niemand wusste: Der Coach hatte schon damals kleine Lücken im Gedächtnis. Er tat sie als Stress ab. Die erste Hirnblutung folgte im Sommer 2025. Siewert verschwieg sie fast komplett, kehrte nach zwei Wochen zurück an die Seitenlinie. „Er wollte der Held sein. Stattdessen wurde er zum Warnsignal“, sagt Kretzschmar.

Die wiederholung – und was sie bedeutet

Die wiederholung – und was sie bedeutet

Der zweite Anfall Ende Oktober war heimtückischer. Diesmal fiel Siewert in der Wohnung aus. Seine Frau fand ihn auf dem Küchenboden, die Hälfte des Gesichts gelähmt. Die Notärzte stabilisierten ihn, doch die Prognose blieb offen. „Die Ärzte sagten: Warten. Wir haben geweint wie Kinder“, erinnert sich Kretzschmar.

Heute, acht Wochen später, kann Siewert wieder laufen. Langsam, aber stetig. Er trainiert in der Reha-Klinik Potsdam, zweimal täglich Bewegungsabläufe, einmal täglich Sprachtherapie. „Er sagt ‚Mama‘ und ‚Taktik‘. Letzteres klingt wie ein Sieg“, schwärmt Kretzschmar. Die Ärzte verlangen Geduld, der Trainer will zurück aufs Feld. „Er plant schon Trainingseinheiten im Kopf. Das ist Wahnsinn – und gleichzeitig seine Rettung.“

Für die Füchse ist die Lage klar: Siewert wird nicht mehr zurückkehren. Die Vertragsauflösung war ein Akt der Menschlichkeit, kein Makel. „Wir haben ihm die Last genommen, selbst gehen zu müssen“, sagt Manager Bob Hanning. Kretzschmar nickt: „Der Klub war klasse. Aber Jaron wird immer ein Fuchs bleiben.“

Zwischen statistik und stärke

Zwischen statistik und stärke

Die Zahlen sind gnadenlos: Jeder zweite Schlaganfall-Patient erleidet innerhalb von fünf Jahren einen zweiten Verschluss. Die Reha-Dauer verlängert sich um 40 Prozent. Doch Statistiken kennen keinen Blick, der sagt: „Ich komme wieder.“ Siewert hat diesen Blick.

Kretzschmar zückt sein Handy, zeigt ein neues Video: Siewert wirft einen Tennisball gegen die Wand, fängt ihn mit der linken Hand. Vor drei Wochen noch undenkbar. „Er nennt es ‚Mini-Handball‘. Ich nenne es Hoffnung.“

Ein Comeback an der Seitenlinie ist unrealistisch, ein Leben danach nicht. Siewert will Handball-Kurse für Kinder geben, ohne Zeitdruck, ohne Medienrummel. „Er will zurückgeben, was ihm das Spiel gab: Struktur, Freunde, Sinn.“ Kretzschmar lacht kurz: „Und er will den Ball flach halten. Literally.“

Der Podcast endet, die Geschichte nicht. Siewert schreibt gerade an einem Buch – mit Unterstützung von Sprachtherapeutinnen, handschriftlich, Satz für Satz. Der Arbeitstitel: „Halbzeit im Kopf“. Kretzschmar hat das erste Kapitel gelesen: „Kein Selbstmitleid, nur Selbstironie. Typisch Jaron.“

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Trainer kommen und gehen, Freunde bleiben. Und manchmal reicht ein einziger Satz, um wieder sprechen zu lernen: „Wir sehen uns auf dem Feld.“ Siewert sagt ihn mittlerweile perfekt. Ohne Fehler. Mit allem Willen.