Neuer schweigt, eberl wartet: bayerns torhüter-drama geht in die verlängerung

Manuel Neuer hat Real Madrid mit 39 Jahren noch einmal beinahe allein aus dem Wettbewerb gekickt – und anschließend allen klar gemacht, warum seine Zukunft beim FC Bayern ein Rätsel bleibt. Nach dem 4:3 im Halbfinale schob Sportvorstand Max Eberl die Verantwortung zurück zum Kapitän: „Er muss signalisieren, ob er noch einmal will.“

Kein angebot, nur offene rechnungen

Die Vereinsführung hat dem 40-Jährigen keinen neuen Kontrakt vorgelegt. Eberl bestätigte das nach der irrwitzigen Schlussphase gegen Madrid, in der Neuers Fehler vor dem 2:3 für einen Herzinfarkt sorgte und seine Parade gegen Bellingham kurz darauf für Erlösung. „Wir sind mit Manu sehr, sehr klar“, sagte Eberl – und meinte damit: Wir wissen, dass er unsere Antwort braucht, aber wir wissen auch, dass er sie uns nicht gibt.

Der Torhüter selbst flüchtete nach dem Abpfiff ins kollektive Gedächtnis der Champions League. „So eine Nacht haben wir alle wohl noch nicht erlebt“, murmelte er und schob sich die Kapuze über den Kopf. Dabei hatte er selbst die erste Schlagzeile geliefert: Ein Abschlag landete beim Gegner, Madrid jubelte, die Arena hielt den Atem an. Drei Minuten später hielt Neuer mit einer Hand wie aus dem Nichts den Ausgleich. Bayerns Saison in einer Sekunde.

Die stille ist taktisch

Die stille ist taktisch

Neuer hat in den vergangenen zwölf Monaten gelernt, dass Schweigen Macht bedeutet. Nach der WM-Pleite, nach der Ski-Unfall-Lachnummer, nach jeder einzelnen Ballverarbeitung, die seine Beine langsamer wirken ließ als früher. Er spielt das Spiel auf Zeit – und Eberl muss mitspielen. „Sollten seine Forderungen utopisch sein, wissen wir Bescheid“, warnte der Manager. Keine Drohung, nur ein Seufzer.

Die Zahlen sprechen trotzdem für ihn: Sechs Paraden gegen Madrid, 2,7 abgewehrte xGOT in dieser K.-o.-Phase, ein Punktedurchschnitt von 2,1 pro Spiel mit ihm – 1,4 ohne. Die Leidenschaft ist messbar, aber nicht verhandelbar.

Die uhr tickt laut

Die uhr tickt laut

Bayerns Chefscout hat bereits Datenpakete von Mamardashvili, von Raya, von Kohn. Die Scouts wissen: Findet der Klub keinen Nachfolger, wird Neuer zur Geisel seiner eigenen Legende. Findet er einen, wird die Legende zur Geisel der Nachwelt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Manu utopisch wird“, sagte Eberl – und klang dabei, als wolle er sich selbst beruhigen.

In den Katakomben von München steht ein leeres Plexiglas-Kabinen-Schild mit seiner Nummer 1. Darunter klebt ein Zettel: „Wird demnächst entschieden.“ Die nächste Entscheidung fällt nicht am grünen Tisch, sondern zwischen seinen Ohren. Und niemand dringt da rein, nicht einmal nach dem wahnsinnigsten Spiel der Saison.

Bayern steht im Halbfinale, der Pokal wartet, aber der Mann, der ihn zweimal gehoben hat, weiß noch nicht, ob er überhaupt laufen will. Die Champions League geht weiter – bei Manuel Neuer läuft gerade erst die Nachspielzeit.