Musiala bricht sein schweigen: 'mein glück schmälert die harte wahrheit'
Knapp zwölf Monate nach dem Kreuzbandriss sitzt Jamal Musiala im Trainingslager in Los Angeles und redet Klartext. 'Ich wusste nicht, ob mein Bein morgen noch mitspielt', sagt er der L'Équipe, und plötzlich wird klar, warum seine Sprints in der Vorbereitung noch nicht das alte Tempo hatten. Der 23-Jährige packt aus – über Angst, über Zweifel und über das eine Ziel, das ihn nachts wach hält: die WM in drei Monaten.
'Ich will wieder der alte sein, aber der körper bremst'
Die Reha verlief nach Plan, die Tests auch. Trotzdem bleibt ein Restrisiko, das Musiala nicht beschönigt. 'Es gibt Tage, da spüre ich jede Drehung, jeden Schnitt. Dann denke ich: Okay, heute reicht's für 70 Minuten.' Die Zahlen vom Leistungscheck sprechen eine andere Sprache – seine Sprintwerte liegen nur drei Prozent unter dem Vorjahresniveau –, doch Zahlen interessieren ihn gerade wenig. 'Ich vergleiche mich mit mir selbst, und da fehlt noch was.'
Das mentale Loch nach so einer Blessur beschreibt er in einem Satz: 'Über den Kopf könnte ich eine Stunde lang reden, über das Knie nur fünf Minuten.' Am schlimmsten sei das Warten. 'Du willst zurück aufs alte Niveau, aber der Körper sagt: Nicht so schnell.'

Kompany wird zum seelsorger – und olise zur leitfigur
Wen Musiala für den aktuellen Aufwärtstrend verantwortlich macht, ist erstaunlich: Vincent Kompany. Der Bayern-Coach habe direkt nach der Verletzung angerufen, einfach nur zuhören. 'Er hatte selbst drei Kreuzbandrisen', erinnert sich Musiala. 'Er kennt die dunklen Gedanken.' Kompany erlaube ihm, offen zu reden – selbst wenn's ums Scheitern geht. 'Das ist kein Coach-Gespräch, das ist Mann-zu-Mann.'
Ein anderer Mann hält ihn täglich auf Trab: Michael Olise. Die beiden kennen sich aus Chelsea-Zeiten, doch jetzt, sagt Musiala, 'ist er eine Maschine'. Olise kommt eine Stunde früher zum Training, bleibt eine Stunde länger. 'Wenn du neben ihm sprintest, hast du keine Ausrede mehr.' Zwischen den Einheiten quatschen sie Deutsch, Französisch, manchmal beides durcheinander. 'Ich weiß nicht, ob er das genauso sieht', grinst Musiala, 'aber wir waren schon immer auf derselben Wellenlänge.'

Die wm-uhr tickt – und seine geduld auch
Die US-Reise ist Testlauf und Psychotherapie zugleich. Gegen Premier-League-Teams wird gemessen, wie viel Gas das Knie verträgt. Die ersten 45 Minuten gegen Manchester City liefen gut, 31 Ballkontakte, zwei Torschüsse, kein Zweikampf verloren. Dennoch bleibt das Gefühl der Unvollständigkeit. 'Ich habe hohe Ansprüche, und das, wo ich hinwill, ist nicht da, wo ich bin. Das schmälert mein Glück ein wenig.'
Die WM rückt näher, und mit ihr die Frage, ob Bundestrainer Julian Nagelsmann ihn von Beginn an aufläuft. Musiala antwortet nicht direkt. Stattdessen sagt er: 'Meine Zeit wird kommen. Jetzt muss ich Geduld haben – und meinem Bein vertrauen.' Ein Satz, der wie ein Versprechen klingt. Drei Monate bis Katar. Das Rennen gegen die Uhr läuft.
