Müller wirft dfb-team den 2010-modus vor: „noch kein titelmarsch“

Thomas Müller schlägt in New York einen Ton an, der die euphorisierte Fan-Seele sofort kühlt. „Wir sind kein fertiges Produkt, wir entwickeln uns noch“, sagt er und vergleicht das aktuelle Kader mit jener 2010er-Truppe, die in Südafrika jubelnd bis ins Halbfinale rauschte – und dort zerbarst.

Die Botschaft des Ex-Weltmeisters ist klar: Reisen statt Triumph. Müller will keine Final-Fantasien, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme. „Wenn wir von A bis Z in Richtung Titel marschieren wollen, müssen wir erst laufen lernen“, erklärt er vor Sponsoren und Journalisten im Manhattan Yacht Club.

Der 2014-vergleich zieht nicht

2014, so Müller, habe seine Generation auf dem „Höhepunkt der Entwicklung“ gestanden – ein Kader voller Champions-League-Sieger, routinierter als ein Schweizer Uhrwerk. Heute? „Ein sehr, sehr guter Herausforderer“, mehr nicht. Das klingt bescheiden, ist aber die ehrliche Einsicht eines Mannes, der 2010 selbst noch der Jungspund war und 2014 zur Leitfigur reifte.

Die Parallele zum Sommermärchen 2010 liegt für Müller auf der Hand: viele unter 25, wenige Doppelbelastungen, dafür viel Spielfreude. „Diese Mannschaft kann in die K.o.-Phase hineinwachsen, wenn wir sie lassen“, sagt er. Der Nebensatz „wenn wir sie lassen“ richtet sich an jene Kommentatoren, die nach jedem Gruppenspiel schon das Endspiel planen.

Forderung: redet nicht vom finale

Forderung: redet nicht vom finale

Müller wettert gegen den deutschen Reflex, seit Rio 2014 unablässig nach dem nächsten Titel zu schreien. „Die Herangehensweise muss sich ändern“, sagt er und zählt auf: „Weniger Finale, mehr Weg.“ Dieser Weg beginnt in den Köpfen. Er will eine Öffentlichkeit, die nicht fragt: „Wann werden wir wieder Weltmeister?“ sondern: „Wie weit kann diese Truppe gehen, wenn sie Fehler machen darf?“

Am Ende bleibt ein Satz, der wie ein Mantra klingt: „Wir sollten der Mannschaft die Chance geben, sich selbst zu finden.“ Keine Drohung, keine Verheißung – nur die nüchterne Erkenntnis, dass Titel nicht per Ankündigung entstehen, sondern in 90-minütigen Kämpfen, in denen junge Spieler plötzlich erwachsen werden. Und vielleicht, so die leise Hoffnung hinter Müllers Worten, genau das wird 2026 die Pointe sein.