Mourinho fliegt im clássico: „ich bin kein verräter!“
90 Minuten Feuer, 90 Minuten Lisboner Inferno – und dann der Schlusspunkt auf der Seitlinie: José Mourinho, der Chef der Benfica, rastet aus, tritt den Ball Richtung Bank von Porto, sieht Rot, explodiert. 2:2 im Estádio da Luz, Platzverweis in der 88. Minute, danach ein Interview, das ganz Portugal aufhorchen lässt.

„Ich bin profi, kein provokateur“
Die Szene war in Sekundenbruchteilen im TV-Zeitlupenloop: ein harmloser Ball, der ins Aus rollt, Mourinho nimmt Anlauf, donnert ihn genau dorthin, wo Francisco Farioli und seine Co-Trainer sitzen. Schiedsrichter Francois Letexier zückt sofort die Rote Karte. Mourinho stemmt die Arme in die Hüfte, lacht bitter, flüstert: „Sind wir hier in Kindergarten?“ Später, vor den Mikros von Sport TV, entlädt sich sein Zorn: „Ich bin seit 25 Jahren auf europäischen Top-Level-Böcken unterwegs, ich bin professionell, kein Verräter. Wenn das Rot sein soll, dann verbietet mir doch den Beruf.“
Dabei hatte der Clássico schon vorher gebrannt. Porto ging durch Froholdt (10.) und Pietuszewski (40.) zweimal in Führung, Benfica glich durch Schjelderup und Barreiro aus. Die Tabellenspitze wackelt, der Meisterstrom schwillt an. Mit 61 Punkten bleibt Porto vorne, Benfica hängt nur zwei Zähler dahinter. Die Rückrunde wird zur offenen Schießbude.
Mourinhos Aussperre kostet ihn nun den Platz auf der Bank beim nächsten Spitzenspiel in Braga. Intern brodelt es zusätzlich: Die Liga prüft, ob zusätzliche Sperren folgen. „Wenn ich für Leidenschaft bestraft werde, nehme ich das mit Stolz“, sagt Mourinho, „aber wenn man mir die Professionalität abspricht, wehre ich mich bis zum letzten Verbandsgang.“
Die Fans diskutieren auf Twitter in Echtzeit: #MourinhoRojo trendiert landesweit. Die einen feiern ihren „Special One“ als letzten Revoluzzer im Anzug, die anderen sprechen von einem „Schauspiel auf Kosten der Mannschaft“. Fakt ist: Ohne seinen Kopf auf der Bank fehlt Benfica die Schaltzentrale. In den letzten fünf Partien mit Mourinho an der Linie holte die Mannschaft 13 von 15 Punkten.
Porto-Trainer Farioli nutzt die Aufmerksamkeit für einen Seitenhieb: „Respekt ist Teil des Spiels, aber manchmal vergisst man, dass Kinder zuschauen.“ Mourinho kontert trocken: „Ich erinnere mich an seine Pressekonferenz letzte Saison, da hat er geschrien, bis ihm das Krawattenknoten geplatzt ist.“
Die Saison ist längst keine 08/15-Rennbahn mehr, sie ist ein Psychokrimi. Spieltag 26 steht vor der Tür, die Meisterschaft wird in Porto und Lissabon neu gemessen. Mourinho wird in der VIP-Loge sitzen, Headset auf, Blick wie ein Radar. Er wird nicht schweigen. Und Portugals Fußball wird wieder vor dem Fernseher kleben. Die Liga lacht über die Quoten, die Gegner über die Unruhe. Aber eines ist klar: Wer den Trainer wegsperrt, entfacht nur noch mehr Feuer im Herzen der Águias. Nächster Schlag in Braga – und Mourinho schreit von der Tribüne, lauter als je zuvor.
