Estupinan bebt den derby-knüller – und stürzt inter in die krise

Ein Linksfuß, für den sich selbst seine eigenen Fans schon abgeschrieben hatten, schreibt die Geschichte neu: Pervis Estupinan traf in der 78. Minute zum 1:0-Sieg des Milan im Derby und katapultierte die Rossoneri zurück in den Titelkampf.

Der tag, an dem der außenseiter zum helden wurde

San Siro kocht. 220 Journalisten aus 100 Ländern, 200 TV-Stationen, Rekordeinnahmen – und dann das: Kein Modric-Freistoß, kein Leao-Solo, sondern ein Ecuadorianer mit gerade einmal 648 Minuten Saisonspielzeit. Fofana spielt einen diagonalen Pass, so scharf wie ein Skalpell, Estupinan läuft sich frei, nimmt den Ball mit der Innenseite mit, zieht ab. Die Kugel schlägt links unten ein, Onana ist machtlos. Das Tor, das Inter erstmals seit 15 Derbys eine Niederlage beschert, ist perfekt.

Die Kurve rast, aber nicht nur vor Freude. Auch vor Erleichterung. Denn Estupinan war längst zum Sündenbild erklärt: Fehler gegen Napoli, Ausfall nach Syndesmose, danach nur noch Tribüne. Bartesaghi, 19, der Neue, sollte die Zukunft sein. Doch der Trainer ließ ihn sitzen, stach ins kalte Wasser. Die Rechnung ging auf.

Allegri nutzt die anti-stars – und gewinnt

Allegri nutzt die anti-stars – und gewinnt

Massimiliano Allegri stellte seine Elf auf Tritt und Schlag. Kein technischer Leckerbissen, sondern ein Brett voll Arbeit. Fofana, der oft als „unkontrolliert“ gilt, spielte 91 % seiner Pässe sauber, gewann 13 Zweikämpfe. Reijnders, eher Laufkäfer als Spielmacher, deckte Dumfries vollständig ab. Und Estupinan? Der lief 11 Kilometer – mehr als jeder andere. „Ich habe nur meine Chance genutzt“, sagt er nach Abpfiff mit zitternder Stimme. Der Satz klingt simpel, ist aber Programm.

Diese Milan-Ausgabe erinnert an die Werkself-Teams der 80er: geprägt von Schlossermentalität, nicht von Galácticos. Die Tifosi feiern das. „Casciavit“ nennen sie sich selbst – Schraubenzieher. Genau das haben sie gesehen: keinen Show-act, sondern Handwerkskunst.

Die scudetto-rechnung ist offen

Die scudetto-rechnung ist offen

Mit dem Sieg verkürzt Milan den Rückstand auf Inter auf vier Punkte. Noch sieben Spieltage, das direkte Duell in der Coppa Italia steht an. Die Nerazzurri kassieren die erste Krise: drei Liga-Spiele ohne Sieg, erst 18 Torschüsse im März. Trainer Inzaghi wirft nach dem Abpfiff mit der Handtasche, die Pressekonferenz dauert nur 140 Sekunden. Die Frage ist nicht mehr, ob Inter noch punktet, sondern ob sie die Lücke noch zukriegen.

Estupinan jedenfalls packt seine Stutzen aus, steigt in den Bus und weiß: Am Donnerstag schon steht die nächste Entscheidung an. Dann will Bartesaghi zurück. Aber der Ecuadorianer hat seinen Platz wieder – zumindest für 90 Minuten. Und manchmal reichen genau die, um eine Saison zu drehen.