Malinin stürzt in mailand – jetzt will er in prag abrechnen

Ilia Malinin spult die letzte Rückwärts-Drehung, atmet tief durch und lächelt. Der 21-Jährige wirkt nicht wie jemand, der vor zwei Monaten noch im Eis von Mailand versank. „Ich habe die Niederlage verspeist“, sagt er knapp, „jetzt kommt der Gegenhieb.“

Die kür, die ihn wachrüttelte

Was in der Nacht vom 22. Februar in der Mediolanum Forum geschah, war kein technischer Patzer – es war ein Erdbeben. Der Quad-Triple-König, der als einziger Mensch das 4½-fache Axel springt, plumpste aufs Kreuz, verrutschte in die Bande und landete auf Rang acht. Die Gold-Hymne wurde zum Stottern. Statt Tiktok-Genugtuung gab es Memes, die ihn als „Vierfach-Gott mit Kratzern“ zeigten.

Malinin erzählt, wie er nach der Fahrt in die Kabine die Schlittschuhe auszog und die Klingen gegen die Wand hielt – so kalt, dass sie ihm die Finger verbrennen wollten. „In dem Moment hatte mein Körper tausend Stimmen, aber keine davon sagte: Weitermachen. Ich habe trotzdem die Stiefel wieder angezogen.“

Prag ist kein neuanfang, sondern eine rache

Prag ist kein neuanfang, sondern eine rache

Am 25. März fällt der Vorhang für die WM in der O2 Arena. Malinin flog nicht nach Hause, sondern direkt nach Lake Placid. Drei Wochen lang trainierte er im stillen Kessel, acht Stunden Eiszeit am Tag, dazu Videoanalysen bis zwei Uhr morgens. Coach Nikolai Morozov baute ein komplett neues Layout: das Quad Lutz an dritter Stelle, das Quad Loop als Eröffnung. „Wir haben die Musik um 8 Sekunden verkürzt, damit keine Atempause mehr bleibt“, verrät Malinin.

Die Zahlen sind verrückt: 13 Quadruples in 4:30 Minuten, eine durchschnittliche Sprunghöhe von 71 Zentimetern. Die Konkurrenz schaut von der Bande aus wie ein Schulprojekt. „Ich werde nicht sicherer, ich werde schneller“, sagt er und klingt dabei wie ein Programmierer, der einen Bug endlich löscht.

Die psychologin, das tattoo und die playlist

Die psychologin, das tattoo und die playlist

Hinter den Kulissen arbeitet Sportpsychologin Dr. Lena Vogel mit einem Trick: Sie lässt Malinin vor jedem Training die letzten zehn Sekunden seiner Mailand-Katastrophe laufen, dann sofort den Sieger-Run von Helsinki 2023. Die Amygdala soll umschalten, Panik wird zu Dopamin. Mittlerweile trägt er ein winziges Skate-Blatt hinterm Ohr – gestochen in Prag, 48 Stunden nach der Ankunft. „Damit ich spüre, wofür ich hier bin“, sagt er und zeigt auf die frische Narbe.

Seine Spotify-Playlist heißt „post-olympic therapy“. Track eins: „Back From the Edge“. Track zwölf: „Gladiator“. Die Lieder laufen nur ein Mal pro Training, danach Stille. „Ich brauche keine Motivation mehr, ich brauche Präzision“, erklärt er und klingt dabei so nüchtern wie ein Ingenieur, der eine Brücke testet.

Die arena, die über 10 000 malinin-rufe erwartet

Prags Organisatoren rechnen mit 12 000 Fans pro Tag, 70 Prozent davon zwischen 14 und 25. Tickets für das Herren-Short-Programm gingen in 37 Minuten weg – schneller als jede WM seit 2018. Die tschechische Eislauf-Union hat extra eine LED-Wand installiert, die in Echtzeit die Rotationsgeschwindigkeit der Sprünge anzeigt. Malinin lacht: „Wenn die Zahlen stimmen, muss ich nur noch meinen Namen drunterkratzen.“

Die Judges haben ihre Notenblöter bereits vorbereitet: Base Value 21,3 für das 4½-fache Axel – ein Wert, der selbst Nathan Chen nie erreichte. Die Frage ist nicht, ob Malinin gewinnt, sondern wie groß die Lücke wird. „Ich will nicht nur Gold“, sagt er, „ich will die Score-Anzeige zum Glühen bringen.“

Die sekunde, in der alles wieder sinn macht

Am Ende des Interviews fragt er zurück: „Wissen Sie, warum wir Sport machen?“ Er wartet keine Antwort ab. „Weil man nach dem Sturz spürt, dass man noch atmet.“ Dann steht er auf, schnürt die Eisflex-Stiefel, die neuen, schwarzen, und geht zur Einfahrt. Die Klingen klackern auf Beton – ein Geräusch, das in Mailand wie ein Knall klang und in Prag wie ein Startsignal.

Die WM beginnt in neun Tagen. Für Ilia Malinin beginnt sie jetzt.