Mainz 05 vor historischem viertelfinale: amiri-fragezeichen und fischer's faustpfand

Klaus Schäfer, TSV Pelkum Sportwelt – Es ist der Tag vor dem Tag, an dem der 1. FSV Mainz 05 endgültig aus dem Schatten der Provinz tritt. Donnerstag, 21:00 Uhr, Europa-Park Stadion: Erstmals steht ein Viertelfinale in einem europäischen Wettbewerb auf dem Programm. Und während Racing Straßburg seit zehn Pflichtspielen ungeschlagen ist, hält der Mainzer Trainer ein einziges Ass noch hinterm Rücken: Nadiem Amiri.

„Wenn er auf der bank sitzt, kann er spielen“ – fischers kryptosatz

Urs Fischer liebt diese Sätze. Knapp, kantig, und sie verraten nichts, aber alles. Amiri, der Fersenpatient, schnürte gestern wieder die Stollen. Seit dem 25. Februar war der 29-jährige Spielmacher nur Statist auf der Tribüne, nun könnte er zum Joker in Schwarz werden. Die Medien drängen, die Fans spekulieren, Fischer zuckt nur mit den Schultern: „Mehr verrate ich nicht.“ Genug, um Straßburgs Coach Liam Rosenior bis spät in die Nacht hinein Aufstellungsproben rechnen zu lassen.

Die Zahlen sprechen trotzdem. Mainz ist seit acht Pflichtspielen ohne Niederlage, holte aus den letzten vier Partien zwölf Punkte. Die Nullfünfer rutschten aus dem Keller direkt in die europäische Hitzezone – und nun eben in die Geschichte. „Ein spezielles Spiel“, sagt Fischer und klingt dabei so emotionsarm wie ein Schweizer Uhrwerk. Aber seine Augen glühen. Er weiß, dass seine Mannschaft in dieser Form selbst den Ligue-1-Achter vor Probleme stellt.

Straßburg hat tempo, mainz hat den zwölften mann

Straßburg hat tempo, mainz hat den zwölften mann

„Wenn sie Raum bekommen, wirst du Mühe haben“, warnt Fischer und meint damit nicht nur Straßburgs Außenbahn um Habib Diarra und Dilane Bakwa. Die Franzosen erzielten in der Gruppenphase 18 Tore – mehr als jede andere Mannschaft. Ihre Ballstaffetten sind so schnell, dass selbst der VAR zweimal hinschauen muss. Doch im Mewa Arena droht ihnen ein Tsunami in Rot-Weiß. 33.000 Fans, darunter 3.000 Gäste, werden ein Riesenrohr bilden, das bis in die Katakomben vibriert.

„Der zwölfte Mann hat uns die ganze Zeit getragen“, sagt Fischer und schaltet für einen Satz den Privatmenschen ein. Er erinnert sich an die 93. Minute gegen St. Gallen, als das Stadion so laut wurde, dass die gegnerische Abwehr den Ball verschoss. Genau diese Energie will er erneut entfachen. Wer schon einmal in Mainz war, weiß: Wenn die Kurve „Oh wie ist das schön“ anstimmt, bebt der Boden bis nach Oppenheim.

Die taktische schachpartie – und warum ein remis reicht

Die taktische schachpartie – und warum ein remis reicht

Fischer wird vermutlich die Doppel-Sechs aus Kohr und Barreiro laufen lassen, vorne guckt Onisiwo wie ein Boxer, der nur auf die Gongschlage wartet. Straßburg wird versuchen, mit drei Mann die erste Pressinglinie zu stürmen und den Ball früh zu erobern. Die Schlüsselzone liegt zwischen den Straßenbahnlinien 6 und 16 – also genau dort, wo Amiri sich in der Spitze versteckt, sollte er tatsächlich kommen.

Ein 1:1 wäre kein Desaster, ein 2:1 ein Luxusproblem. „Wir wollen gewinnen, aber wir wollen auch nicht verlieren“, fasst Fischers Co-Trainer Frank Fröhling die Quadratur des Europapokals zusammen. Die Rückspiel-Auswärtstor-Regel ist Geschichte, dafür zählt jetzt die Auswärtstordifferenz nur noch bei Gleichstand nach 180 Minuten. Deshalb ist das erste Duell ein Halbfinale in 90 Minuten.

Ab 20:15 Uhr rollen die Fanbusse an, um 20:45 Uhr hebt der Chor „Wir sind Mainz“ ab. Dann steht nicht mehr nur der Einzug ins Halbfinale auf dem Spiel, sondern der Beweis, dass ein Provinzklub mit Leidenschaft und kluger Ausrichtung selbst den Geldmaschinen Paroli bieten kann. Ob Amiri mitspielt oder nicht – die Karten sind gemischt, der Tisch gedeckt, und die Welt schaut auf den kleinen Klub am Rhein, der gerade ganz groß wird.