Magdeburg zwingt berlin in den sarg – meisterschaft nur noch formsache
35:33, der Puls kocht, die Nette klappert. SC Magdeburg dreht in der Schlussminutegegen die Füchse Berlin auf und schlägt ein Loch in die Rest-Hoffnung der Liga. Drei Punkte Vorsprung, vier Spiele weniger – selbst ein Epidemien-Ausbruch würde den Titel wohl nicht mehr kippen.
Krickau zieht die notbremse: „wir haben keine ahnung, was passiert“
Jens Krickau betritt die Presse-Baracke mit dem Gesicht eines Mannes, der weiß, dass er soeben die Scheidung vom ersten Platz unterschrieben hat. „Magdeburg hatte die letzten fünf Prozent“, sagt er und klingt wie jemand, der sich selbst die Schuld gibt, zu lange auf die Karte „Verletzungspech“ gesetzt zu haben. Der Füchse-Coach redet sich in den Ausnahmezustand: acht Knöchelbrüche, ein Bänderriss – dann wäre die Welt wieder offen. Doch die Frage, ob die Meisterschaft gelaufen ist, lässt er offen. Aus Taktik. Aus Respekt. Aus Angst, die eigene Kabine zu verlieren.
Bennet Wiegert dagegen lächelt nicht. Er atmet. „Wir fühlen uns verdammt gut“, sagt er und meint damit, dass seine Mannschaft endlich die Last abgeworfen hat, jede Woche neu beweisen zu müssen, warum sie oben steht. 60 Minuten Handball auf Gluonniveau, 68 Tore, zwei Strafwürfe, ein VAR-Gutachten – und am Ende jene eiskalte Magdeburger Gang, die jeden Gegner schon vor dem Anwurf friert. „Nuancen“, sagt Wiegert. Das Wort kommt dreimal vor. Es ist das Codewort für: Wir haben gelernt, auch mit zehn Prozent Leistungsverlust noch zu gewinnen.

Kristjansson spricht aus, was alle denken
Grettir Kristjansson, isländischer Blondschopf mit Seitenlinien-Blick, stellt den Deckel auf den Sarg: „Die Meisterschaft liegt zu 100 Prozent in unseren Händen.“ Kein „wenn“, kein „aber“. Die Statistik spricht eine klare Sprache: seit der Einführung der 3-Punkte-Regel holte kein Team mit einem Vorsprung von mehr als fünf Zählern vor dem 25. Spieltag noch nicht den Titel. Magdeburg hat neun.
Flensburg? Sieben Punkte dahinter, dafür aber das Spiel in der Elbe-Arena Ende Mai noch offen. Theoretisch ein Finale. Praktisch ein Härtetest für eine Mannschaft, die in den letzten zehn Jahren jeden Druck-Check bestanden hat. „Wir schauen nicht auf die Tabelle“, beteuert Wiegert. Aber er schaut auf den Kalender. An Pfingsten ist die Vorentscheidung programmiert, danach bleiben zwei Auswärtspartien gegen Mannschaften, die schon im Urlaubs-Modus sind.
Die Liga schaut weg. Nicht aus Desinteresse, sondern aus Selbstschutz. Die Champions-League-Plätze zwei bis vier sind der neue Jackpot. Kiel, Berlin, Flensburg, Stuttgart – ein Vierkampf, der mehr Spannung bietet als die Frage nach dem Meister. Die haben wir längst beantwortet, nur noch nicht offiziell abgenickt.
Am Montag trainiert Magdeburg wieder. Keine Feier, kein Sektempfang. Stattdessen Video-Analyse, Wurf-Count, Herzfrequenz-Check. Wiegert will die 70-Prozent-Marke knacken, jene Zone, in der seine Kreisläufer laut GPS noch Luft nach oben haben. „Wir wollen nicht nur gewinnen, wir wollen dominieren“, sagt er und klingt dabei wie ein Mann, der schon die Play-offs im Kopf hat.
Am 8. Juni wird in der GETEC-Arena der Meisterpokal stehen. Die Fans werden „Viva Magdeburg“ skandieren, die Spieler ihre Kinder auf die Schultern nehmen. Und irgendwo in der Presse-Zone wird Jens Krickau sitzen, einmal mit dem Zeigefinger auf die Leinwand deutend, auf der 35:33 blinkt. Dann wird er nicken. Still. Er wird wissen: Die Liga gehört wieder der Elbe-Stadt. Und das nicht nur wegen der letzten fünf Prozent, sondern wegen der 95 davor.
