Locatelli packt aus: gattusos halbzeit-wutrede befreite italien

Die italienische Nationalelf schlief in Bergamo gegen Nordirland erst auf, dann ein. Manuel Locatelli lüftet nun das Geheimnis: Eine einzige ruppige Frage von Gattuso in der Kabine schob den mentalen Schalter.

„Dachtet ihr, das wird ein spaziergang?“

„Dachtet ihr, das wird ein spaziergang?“

Die Worte hallten nach. „Gennaro hat uns in den Sechzehner geschubst, nicht nur taktisch, sondern vor allem hier“, sagt Locatelli und deutet an die Stirn. Die Folge: Ein 2:0, das sich liest wie ein Schulbuch-Beispiel für Druckaufbau. 61 Prozent Ballbesitz, 17 Torschüsse, zwei Gegentreffer verhindert – Zahlen, die vor der Pause noch wie ein schlechter Scherz wirkten.

Der Plan war klar: Risiko früh, Sicherheit spät. Doch wer die ersten 45 Minuten sah, erlebte eine Squadra paralysiert vom Gewicht der eigenen Geschichte. Kindheitsbilder von 2006, Albträume von 2018. „Wir spüren, was ein Turnier für die Leute bedeutet, wir wollen keine neue Generation von enttäuschten Kids produzieren“, so Locatelli. Das muss man sich vorstellen: 23 Profis, die plötzlich wieder wie auf dem Schulhof stehen und der Lehrer brüllt: „Hausaufgaben macht ihr nach dem Spiel!“

Am Ende stand ein Debütant vor den Mikrofonen, der alles in einem Atemzug sagt: Marco Palestra, 22, Atalanta-Urgestein, erstmals Azzurro im eigenen Wohnzimmer. „Ich habe meine Mutter auf der Tribune gesehen und gedacht: Jetzt oder nie.“ Nie zuvor hatte ein italienischer Spieler sein Debüt im Stadion seines Clubs gefeiert. Die Symbolik: Ein Neuling klopft an, die alte Garde öffnet. Die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft ist gebaut.

Der Rest ist Programm. Am Dienstag trifft Italien auf Bosnien, das Wales erst im Elfmeterschießen zerlegte. Wer jetzt denkt, der Knoten sei durchgeschnitten, irrt. Locatelli schüttelt nur den Kopf: „Wir haben noch nichts erreicht, nur die Angst überwunden.“ Das ist der neue Stolz der Azzurri: Sie reden nicht mehr über den Pokal, sondern über den Weg dahin. Und der führt über eine weitere Kabine, eine weitere Rede – und vielleicht über die nächste Frage Gattusos.