Leu will den fluch brechen: „göppingen soll bluten!“

Tillman Leu lacht nicht, wenn er es sagt. Der Kreisläufer der ThSV Eisenach blickt durch die Kameras und knallt hin: „Wir gewinnen in Göppingen. Der Druck liegt bei denen.“ 24 Jahre alt, erst eine Saison in der Bundesliga, und schon spielt er das Spiel mit dem Feuer. Kein Auswärtssieg bislang, 0:7-Pleiten, 189 Tore kassiert – und trotzdem glaubt er fest daran, dass Montagabend (19 Uhr) der Tag wird, an dem der Knoten platzt.

Warum göppingen angst haben muss

Leu kennt die Mechanik der Liga. „Wie peinlich wäre es für Frisch Auf, gegen uns den ersten Heim-Dämpfer zu kriegen?“, fragt er und zieht die Stirn kraus. Genau diese Angst will Eisenach ausnutzen. Die Thüringer reisen als klarer Außenseiter, doch das Label entlastet. „Wir haben nichts zu verlieren, die müssen delivern“, sagt Leu und verballhornt dabei locker das Englische, wie es Spieler tun, die sich in Hochglanzmagazinen zitieren sehen.

Die Zahlen sind brutal: 180 Minuten Rückstand in elf Auswärtspartien, nur 51 Treffer aus dem Rückraum, dazu die zweitschlechteste Abwehrquote der Liga. Doch Leu spielt mit der Psyche. Er redet den Gegner schwach, statt seine Mitspieler nervös zu machen. Coach Sebastian Hinze nimmt das gerne hin: „Wenn Tillman die Jungs entlastet, indem er den Fokus auf sich zieht, hat er seine Aufgabe verstanden.“

Vom drittliga-hinterhof zum doppel-steal

Vom drittliga-hinterhof zum doppel-steal

Vor zwölf Monaten war Leu noch in Dessau unterwegs, spielte vor 400 Leuten in der 3. Liga, verdiente sich seinen Brotaufstrich als Sportstudent. Heute steht er vor 3.500 Zuschauern in der EWS Arena und checkt mit 68-prozentiger Erfolgsquote die Kreisposition. „Ich dachte, ich bekomme zehn Minuten Spielzeit, wenn überhaupt“, sagt er. Stattdessen absolvierte er 22 von 28 Partien über 50 Minuten, holt 112 Bälle zurück, erzielt 57 Tore. Die Entwicklung ist messbar: Seine Ballverluste pro Spiel halbierten sich von 2,4 auf 1,1.

Hinter den Zahlen steckt Methodik. Nach dem Mannschaftstraining bleibt Leu mit Hinze auf dem Parkett, filmen Szenen, probieren Gegenbewegungen aus. „Wir arbeiten an der Handposition beim Absprung, am zweiten Schritt nach dem Aufsetzen, an der Winkelverstellung beim Block“, erklärt der Coach. Das klingt nach Details, doch in der Summe ergeben sie einen neuen Spieler. „Er macht mich doppelt so gut“, sagt Leu und meint das wörtlich: Seine Sprintwerte verbesserten sich um 8 Prozent, Sprunghöhe um 5 cm, Reaktionszeit um 0,12 Sekunden – gemessen mit GPS-Brustgurt und High-Speed-Kamera.

Die sekunde, in der alles kippen kann

Göppingen ist kein Lieblingsreiseziel der Thüringer. Die letzten fünf Duelle gingen allesamt verloren, Torverhältnis 108:139. Doch genau diese Historie macht den Reiz aus. Leu erinnert sich an die erste Woche in Eisenach: „Ich hab kein Tor gemacht, Heine und Spikic haben alles weggefaxt.“ Heute lacht er darüber. Die Angst, „es zu verkacken“, wie er es nennt, ist verschwunden. Er schaut stattdessen auf die Statistik: Göppingen kassierte in den letzten drei Heimspielen 94 Tore, die Innenverteidigung um Weiß und Karason wackelt. Wenn Eisenach früh den Kreis findet, wird es eng.

Die Wetterlage spielt mit: Schnee in Wartburgkreis, minus fünf Grad, dafür trockene Halle in Baden-Württemberg. Die Bälle rutschen schneller, Tempohandball ist Pelkums Lieblingsmodus. „Wir wollen den ersten Ball, das erste Tor, das erste Foul“, fordert Leu. Seine Stimme wird lauter, der Blick schärfer. „Wenn wir 5:0 starten, fangen die an zu denken. Und dann wird’s heikel für Göppingen.“

Am Ende bleibt eine simple Rechnung: Entweder Eisenach verlängert die Auswärtsmisere oder Frisch Auf wird zur Fußnote in einer Saison, die ohnehin schon als Enttäuschung gilt. Leu steckt sich den Ball unter den Arm und geht Richtung Teambus. „Montagabend wissen wir, wer lacht“, sagt er. Für den ersten Auswärtssieg der Thüringer würde er sogar auf seinen gebürtigen Schweriner Dialekt verzichten – und das will was heißen.