Legenden sprechen: redman enthüllt die größten motorradfahrer aller zeiten
Mit 94 Jahren hat Jim Redman, eine Ikone der Motorradsportgeschichte, seine Gedanken über die größten Fahrer aller Zeiten preisgegeben. In einem Interview offenbarte der sechsfache Weltmeister seine Eindrücke und Analysen, die weit über bloße Geschwindigkeitsvergleiche hinausgehen. Es geht um Verständnis, Kontrolle und das Wesen des Rennsports – eine Reflexion, die Motorsportfans weltweit in Atem hält.
Hailwood: die harmonie zwischen mensch und maschine
Redman beginnt seine Betrachtung mit Mike Hailwood, dem ersten Fahrer, der ihn nachhaltig beeindruckte. „Er ließ die Maschinen tanzeln“, so Redman, „als wären sie ein Teil von ihm. Ich erinnere mich an das TT-Rennen 1967 – Hailwood auf Honda gegen Agostini auf MV Agusta. Er bremste nicht spät, er zwang die Maschine nicht; er fand das Gleichgewicht. Während andere in den Kurven korrigierten, war er bereits auf der Ausfahrt.“ Hailwood, so Redman, verstand die Mechanik, er synchronisierte sich mit ihr, anstatt gegen sie anzukämpfen.

Agostini: die unerbittliche konstanz
Weiter geht es mit Giacomo Agostini, dessen Konstanz Redman als „erstickend“ empfand. „Ich habe gegen ihn Rennen verloren, Runde um Runde, ohne dass er es merkte. In den Niederlanden 1968 lag er bereits in der dritten Runde in Führung und baute den Vorsprung über zwölf Runden auf – zwei Sekunden, keine mehr, keine weniger. Seine Perfektion war erdrückend; keine aggressiven Manöver, kein spätes Bremsen, einfach nur ein unaufhaltsamer Rhythmus.“

Roberts: der revolutionär vom flat track
Dann kam Kenny Roberts, ein Amerikaner, der die Regeln neu definierte. „Ich mochte ihn zuerst nicht“, gesteht Redman, „seine Fahrweise schien falsch. Das Motorrad schien schief, das Vorderrad suchte verzweifelt nach Halt. In meiner Zeit hätte das einen Sturz bedeutet, aber Roberts stürzte nicht – er war schneller. Er kam vom Flat Track, wo man entweder rutscht oder gegen die Absperrung fährt. 1978 zeigte er mit seiner Yamaha, wie man eine 500er richtig fährt.“ Roberts, so Redman, habe das Limit nicht als Mauer, sondern als Lebensraum betrachtet.

Rossi: der schachspieler auf zwei rädern
Valentino Rossi brachte eine neue Dimension in den Rennsport – die mentale Stärke. „Er rannte nicht nur gegen dich, er studierte dich“, erklärt Redman. „Er lernte deine Muster, deine Schwächen, die Kurve, in der du zweifelst. Und er nutzte das gegen dich.“ Redman erinnert sich an Catalunya 2009: „In der letzten Runde gegen Lorenzo. Kurve 1: Nichts. Rossi wartete, geduldig. Kurve 5: Druck aufbauen. Kurvenende: Alle dachten, es wäre vorbei. Lorenzo hatte die Linie, die Geschwindigkeit, aber Rossi ging innen vorbei, die unmögliche Linie, spätes Bremsen, mehr Neigung, mehr Vertrauen in den Vorderreifen – etwas, das in Redmans Zeit Selbstmord gewesen wäre.“
Márquez: der tanz mit dem chaos
Schließlich kommt Marc Márquez, der Redman dazu brachte, seine eigenen Überzeugungen zu hinterfragen. „Ich dachte, er wäre ein Wahnsinniger, der ständig stürzte. In meiner Zeit wäre ein solcher Fahrer längst aussortiert worden. Aber dann sah ich genauer hin. In Sachsenring, Jahr für Jahr, Kurve für Kurve – zu schnell, der Vorderrad verliert den Grip, das Motorrad fällt. Für jeden anderen wäre das ein Sturz, aber Márquez fängt es ab – mit dem Ellbogen, mit Instinkt, mit etwas, für das es keine Worte gibt. Er attackiert, obwohl das Motorrad ihn zu vernichten droht. In diesem Moment verstand ich: Für Márquez ist der Sturz der Preis, die Steuer für das Fahren jenseits des Limits.“
Redman schließt mit einem eindringlichen Fazit: „Die Größe liegt nicht darin, das Limit zu kontrollieren, sondern es zu erobern. Die anderen fünf Fahrer sind Legenden, jeder hat diesen Sport verändert. Aber mit 94 Jahren weiß ich eines: Es geht um alles – Mut, Technik, Instinkt. Márquez hat mir gezeigt, dass es immer einen weiteren Schritt gibt.“
