Laura gimmler: nach olymp-bronze ist sie leer - und will trotzdem nochmal gas geben
Laura Gimmler kann sich seit Tagen nicht mehr erklären, warum sie noch aufsteht. Der Körper schreit Stopp, das Hirn spult Bilder vom Teamsprint-Ende von Pyrenäen-Nächten. Bronze. Olympisch. Geschichte. Und nun? „Ich bin leer“, sagt die 32-Jährige, „so leer wie nach einem Marathon, bei dem man vergessen hat, zu trinken.“
Coletta und sie schliefen vor dem rennen nicht – und holten trotzdem edelmetall
Die Nacht vor dem Endlauf war ein Wachraum. Gimmler lag wach, hörte Coletta Rydzek im Nebenzimmer auf und ab gehen, dann quietschen, dann still. „Wir haben nicht geschliefen, null“, erzählt sie. „Coletta musste sich zweimal übergeben. Ich hab nur gedacht: Wenn wir jetzt nicht starten, platzen wir.“ Stattdessen lieferten sie sich ein Sprint-Duell mit Schweden und Norwegen, das in der Zielarena von Gimmlers Schrei endete – ein Schrei, der klang, als würde sie jemand aus dem Schlaf reißen.
Was danach kam, war kein Siegesrausch, sondern ein Kater ohne Alkohol. Interviews, Anti-Doping, Pressekonferenz, Heimflug, Talkshow, Sponsoren-Event. „Jeder fragt: Wie fühlt sich das an? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass meine Oberschenkel zittern und ich Lust hatte, zwei Tage im Schrank zu verschwinden.“

Nilskons abschied wird zur zweiten belastungsprobe
Am Freitag beginnt in Lake Placid das Weltcup-Finale. Gimmler wird fahren, obwohl ihre Uhr nachts keine REM-Phase mehr anzeigt, sondern nur noch „Aufwachen“. Trainer Per Nilsson, der sie seit Juniorenzeiten coacht, wird danach abtreten. „Ich will für Per nochmal Gas geben, ein letztes Mal“, sagt sie. „Aber ehrlich: Ich weiß nicht, wo das Gas herkommen soll.“
Die Verbandsspitze fürchtet einen Zusammenbruch. Sportdirektor Wolfgang Pichler telefoniert täglich mit ihr, schickt Vitamin-Cocktails, schickt sie zur Physiotherapeutin. „Wir schauen, dass sie nicht in Lake Placid einfach umfällt“, sagt er. „Das wäre peinlich, und peinlich ist im Sportsoldaten-Dasein das Schlimmste.“
Gimmler lacht dünn, wenn sie das hört. „Peinlich ist, wenn du umfällst und dich keiner mehr abholt“, sagt sie. „Aber vielleicht ist das ja auch ein Plan: einfach umfallen, dann haben sie mich endlich im Krankenhaus, und ich darf zwei Tage schlafen.“
Am Sonntag, nach der Staffel, will sie sich ein Bier genehmigen. „Kein alkoholfreies, ein richtiges. Und dann schließe ich die Tür, lege das Handy in den Gefrierschrank und schaue drei Folgen ›Babylon Berlin‹. Danach weiß ich vielleicht, was Bronze bedeutet. Oder auch nicht. Hauptsache, ich bin müde genug, um endlich wieder zu träumen – statt nur noch zu rennen.“
