Lägreid pulverisiert uralten björndalen-rekord – nawrath versinkt im schneesturm
Sechs Mal zischte der Wind die Scheiben vor Philipp Nawrath davon, sechs Mal schlurfte er in die Strafrunde – und war weg. Was beim Verfolgungsstart in Otepää noch wie eine deutsche Hoffnung aussah, endete als Mahnmal für die Machtlosigkeit des Schützen in Böen. Der Norweger Sturla Holm Lägreid dagegen schraubte seinen eigenen Wahnsinn ein Stück höher: 2:33 Minuten Vorsprung, neuer Rekord, alte Grenzen pulverisiert.
Der tag, an dem der wind die kugeln klaute
14 Grad, strahlend blauer Himmel – und ein Gegner, den man nicht auf der Karte markieren kann: der Wind. Er riss in der ersten Stehendrunde dreimal Nawraths Zielwert auseinander, schickte ihn auf die 450 Meter Zusatzlauf. „Eines der drei härtesten Rennen meiner Karriere“, sagte der 33-Jährige später, die Stimme heiser vom kalten Estland-Luftschluck. Die 18 Sekunden Vorsprung vom Sprint lachten ihn an, dann schob ihn der Föhn in die Bedeutungslosigkeit: Platz acht, 3:18 Minuten Rückstand. Ein Ausrufezeichen wurde zur Fußnote.
Lägreid lachte nicht – er machte. Eine Strafrunde kassierte auch er, doch er verballerte sie wie ein Nebenjob, während er nebenher die Loipe plattwalzte. 2:33 Minuten vor Emilien Jacquelin – das ist mehr als die halbe Zeit eines Biathlonsprints Vorsprung. Ole Einar Björndalens uralter Block aus Hochfilzen (2:08 Minuten) ist Geschichte. „Endlich habe ich auch mal einen Weltrekord“, sagte Lägreid, als hätte er nur auf seinen Geburtstag gewartet. Seit seiner Seitensprung-Beichte von Peking brennt er durch die Saison wie eine Fackel durch trockenes Laub.

Deutsche verpassen anschluss an die weltspitze
Justus Strelow warf sich noch einmal nach vorn, 17 Plätze gutgemacht, am Ende reichte es nur zu Rang 24. David Zobel kam als 38. ins Ziel – ein Aufsteiger, aber kein Außenseiter mehr. Philipp Horn, Leonhard Pfund, Lucas Fratzscher blieben im Mittelfeld stecken, wo die Punkte dünn gesät sind. Die deutsche Herren-Equipe fährt nach Otepää mit einem einzigen Top-Ten-Platz heim – das war vor zehn Jahren undenkbar.
Am Nachmittag versuchen es Janina Hettich-Walz & Co. im Damen-Rennen. Sie schrammte gestern knapp am Podium vorbei, doch nach dem Schock, den die Männer lieferten, wirkt selbst Rang vier wie ein Trostpflaster. Sonntag folgt die Single-Mixed-Staffel, dann die Mixed-Staffel – letzte Chance, dem estnischen Schnee noch ein deutsches Gesicht zu geben. Die Saison ist lang, aber die Erinnerung an diesen Samstag wird bleiben: als der Wind die Kugeln klaute und ein Norweger die Zeit.
