Kreuzband- und meniskusriss: leonie zeggs karriere droht zu zerbrechen

Ein Sprung, ein Aufprall, ein Schrei – und dann Stille. Leonie Zegg kniet im Zielbereich von Val di Fassa, ihre Hände umklammern das linke Knie, Tränen lösen sich aus ihren Augenwinkeln, verschwinden im Schnee. Die 21-jährige Abfahrerin hat sich beim Weltcup-Rennen nicht nur die Siegchance zerstört, sondern auch ihr Kreuzband und den Innenmeniskus.

Die diagnose trifft wie ein beinschuss

Keine 20 Minuten nach dem Sturz sickert die Gewissheit durch das ÖSV-Lager: vorderes Kreuzband gerissen, Innenmeniskus hinzu. Der Befund ist das Schreckgespenst jedes Skifahrers. Für Zegg bedeutet er mindestens neun Monate Pause, vielleicht das Aus ihrer Saison 2024/25, vielleicht mehr. Die Operation ist für Samstag angesetzt, ein künstliches Kreuzband soll die Stabilität zurückbringen. Ob die Natur danach mitspielt, weiß niemand.

Die Szene selbst war schnell abgelaufen. Nach 2,7 km voller Risiko, 900 Höhenmeter Differenz, 73 Stundenkilometer im Zielsprung. Dort verrutschte Zeggs Ski nach links, ihr Körper schoss nach vorn, das linke Bein drehte sich in die falsche Richtung. Der Aufprall war so hart, dass ihre Stöcke meterweit durch die Luft segelten. Zwei Sekunden später ging die Zeitmessung auf 1:53,82 min – Platz 38, Lichtjahre hinter der Spitze.

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Leonie Zegg war mehr als eine Fahrerin im Kader. Als Cousine von Nina Ortlieb trägt sie Ski-Alpin-Genmaterial im Blut, als Junioren-Vizeweltmeisterin von 2023 den Druck, dem Familienmythos zu folgen. Die SVP-Steiermark förderte sie mit 35.000 Euro, Red Bull schloss sie ins Athletenprogramm ein. Nun steht die Gesamtrechnung: drei Weltcup-Starts, zwei Ausfälle, ein Kreuzband. Die Statistik ist gnadenlos.

Im ÖSV-Kanzlei brennt seit Donnerstagabend die Lampe. Sportdirektor Christian Mitter wollte sich nicht äußern, kam aber um 23.14 Uhr aus dem Krankenhaus von Cavalese, Gesicht aschfahl. „Wir werden alles tun, dass Leonie zurückkommt“, murmelte er, mehr war nicht zu holen. Die Verbandsphysios wissen: Jede zweite Kreuzband-Op endet nach 18 Monaten in einer Nachverletzung. Die Quote steigt, wenn die Athletin unter 25 ist und noch wachsendes Knochengewebe hat. Zegg ist 21.

Zur gleichen Zeit trudeln auf Instagram die ersten Genesungswünsche ein – von Lara Gut-Behrami, von Sofia Goggia, sogar von Mikaela Shiffrin. Die Community wirkt solidarisch, aber auch besorgt. Denn hinter jedem Daumen-nach-oben verbirgt sich die Frage, ob Zeggs Karriere nicht ebenso endet wie jene von Julia Dujmovits oder Max Franz, deren Knie nie wieder das alte Niveau erreichten.

Die Tage vor dem Sturz waren berauschend gewesen. In den Trainingstopfzeiten lag Zegg nur zwei Zehntel hinter Ortlieb, in der Abfahrtstraining von Mittwoch sogar vor Konkurrentin Mirjam Puchner. Trainer Andreas Puelacher sprach von „einer neuen Qualität in der Kurventechnik“. Nun ist vom Schwung nichts geblieben, nur das Bild einer jungen Frau, die im Schnee kauert und ihre Zukunft nicht mehr halten kann.

Val di Fassa wird am Samstag weiterfahren, ein neues Rennen, neue Sieger. Leonie Zegg wird bis dahin auf dem Operationstisch liegen, das Kreuzband durch eine Sehne ersetzen, das Knie mit Schrauben fixieren. Die Ärzte nennen das „primary repair“, die Skiwelt nennt es „Karriere-GAU“. Wann sie wieder auf Ski steht, weiß niemand. Die Uhr tickt. Die Konkurrenz wartet nicht. Und das Knie von Leonie Zegg wird nie wieder das sein, was es einmal war.