Kreis nenmt 25 wm-krieger: berliner sechser nachnominiert, olympia-team fast halbiert

Harold Kreis hat seine letzten sechs Karten ausgespielt – und dabei den Charakter eines Pokerspielers bewiesen. Mit dem kompletten Berliner Meister-Sextett um Jonas Stettmer, Kai Wissmann und Andreas Eder verpasst der Bundestrainer der DEB-Auswahl kurz vor WM-Beginn in der Schweiz nicht nur frisches Blut, sondern auch eine klare Machtverschiebung im Kader. Von der einst gefeierten Olympia-Mannschaft sind nur noch 13 von 25 Spielern dabei – ein Schnitt, der selbst in der leidenschaftlich improvisierten deutschen Eishockey-Geschichte seinesgleichen sucht.

Die absagen schlugen ein wie ein bodycheck

Die Liste der verletzten oder abgesagten NHL-Stars liest sich wie das Who-is-Who des deutschen Eishockeys: Leon Draisaitl, Tim Stützle, John-Jason Peterka. Dazu gesellen sich Lukas Reichel und Nico Sturm, deren Teilnahme höchst unwahrscheinlich ist. Was bleibt, ist ein Konstrukt aus Philipp Grubauer, Moritz Seider, Joshua Samanski – und nun eben den frisch gebackenen Meisterbären aus Berlin.

Wir sind überzeugt, die Rollen optimal besetzt zu haben“, sagte Kreis nach der 2:5-Generalprobe gegen die USA in Mannheim. Dahinter steckt mehr als nur Routine-PR. Der Coach musste auf vielen Positionen neu denken, improvisieren, umstellen. Die Nominierung von sechs Debütanten – darunter Dominik Bokk, Samuel Dove-McFalls und Philipp Sinn – ist kein Experiment, sondern eine Notlösung mit Mut.

Eder trägt mehr als nur das trikot

Eder trägt mehr als nur das trikot

Für Andreas Eder ist die Nominierung mehr als eine Karriere-Medaille. Der Stürmer wechselte nach dem Tod seines Bruders Tobias im Januar 2025 von München nach Berlin – genau dorthin, wo sein Bruder zuletzt gespielt hatte. Jetzt steht er in dessen Fußstapfen, allerdings auf der größten Bühne, die ihm der DEB bieten kann. Die Meisterschaft mit den Eisbären war der erste Schritt, die WM die nächste Stufe seiner Trauer-Verarbeitung – und seiner Eigenmotivation.

Die Gruppe A in Zürich verspricht kein Spaziergang: Olympiasieger USA, Titelverteidiger USA, Gastgeber Schweiz, Olympia-Dritter Finnland – und das alles innerhalb von acht Tagen. Die deutsche Auswahl startet am Freitag gegen eben jene Finnen, die in Peking noch um Bronze kämpften. Die Bilanz gegen die Suomi ist alles andere als beruhigend.

Deutschland reist mit dem kleinsten nhl-kontingent seit jahren an

Deutschland reist mit dem kleinsten nhl-kontingent seit jahren an

Nur drei Akteure aus der besten Liga der Welt – das ist ein Tiefstwert, der die Lücke zwischen Anspruch und Realität offenlegt. Die restlichen 22 Spieler kommen aus DEL, SHL oder Liga zweiter Wahl. Das kann auch eine Chance sein: Weniger Star-Allüren, mehr Team-Chemie. Die Frage ist nur, ob das in einem Turnier reicht, in dem Lettland und Österreich längst nicht mehr als Punktelieferanten gelten.

Kreis’ finale Entscheidung fiel nach einem Krisengespräch mit Sportvorstand Christian Künast. „Keine leichte Entscheidung“, räumte Künast ein. Aber sie war unausweichlich – und sie zeigt: Der DEB hat sich für Kontinuität statt für verletzte Superstars entschieden. Ob sich diese Rechnung am Ende auf dem Eis ausgeht, entscheidet sich ab Freitag in Zürich. Die Zeit bis dahin nutzt Kreis, um aus 25 Einzelkämpfern eine Einheit zu schmieden – und um aus der größten Personal-Delle der WM-Geschichte vielleicht doch noch eine Geschichte zu machen.