Kimmich zerstört die traumerei: nur 100 % zählen, sonst wird’s wieder nichts
Herzogenaurach – Joshua Kimmich schmeißt den Rosinenpicker-Modus aus dem Teambus. „Wir zählen nicht zu den Topfavoriten, weil wir in den vergangenen Turnieren nicht abgeliefert haben“, sagt der DFB-Kapitän und schaut dabei nicht in die Kameras, sondern in die Reihen seiner Kollegen. Die Botschaft ist klar: Erst Leistung, dann Likes.
Die WM 2026 rückt näher, doch Kimmich blockt jeden Blick über den Horizont. „Wenn es losgeht, interessiert niemanden mehr, was vor vier oder acht Jahren war“, erklärt er und meint damit nicht nur das historische Achtelfinal-Aus 2018, sondern auch die kollektige Erinnerungslücke, die sich zwischen Anspruch und Wirklichkeit auftut. Der 31-Jährige will die Lücke mit purem Einsatz zuschütten: „Ich erwarte, dass sich jeder dem großen Ganzen mit 100 Prozent hingibt und sich reinwirft.“

Kimmichs plan: erst basel, dann stuttgart – und erst danach die welt
Am Freitag testet die DFB-Elf in Basel gegen die Schweiz, am Montag folgt in Stuttgart Ghana. Zwei Spiele, die laut Kimmich keine Testspiele sind, sondern „zwei positive und gute Spiele“ sein müssen. Denn wer jetzt schon nach Nordamerika schielt, verliert laut Kapitän den Boden unter den Stollen. „Wir können uns jetzt noch nicht auf die WM konzentrieren – dafür wird der Kader dann vielleicht schon wieder ein bisschen anders aussehen.“
Die Kaderfrage ist kein hypothetisches Szenario. Florian Wirtz laboriert an der Schulter, Nico Schlotterbeck kämpft mit Adduktor-Problemen, und Jamal Musiala wird in München noch einmal auf links außen umprogrammiert. Kimmichs Forderung nach „alle Mann an Bord“ klingt da wie ein Seemannsgebet angesichts sinkender Passagierzahlen.
Intern verlangt der Münchner eine Art Turbo-Team-building. „Wir haben die Chance, noch besser zusammenzuwachsen“, sagt er und meint damit nicht nur die berühmte Chemie, sondern auch die schlichte Tatsache, dass sich Bundestrainer Julian Nagelsmann in den vergangenen Monaten selten eine Konstante erlauben konnte. Jede Länderspielpause bringt neue Experimente, jedes Training neue Erkenntnisse – und jedes Ergebnis neue Zweifel.
Kimmich selbst hat die Zweifler längst zur Routine werden lassen. Nach der WM 2022 schimpften Kritiker, er sei „zu lautstark“; nach dem EM-Debakel 2024 hieß es, er sei „zu leise“. Jetzt ist er einfach präsent. Ohne Pathos, ohne PR-Sprecher, nur mit dem festen Willen, die eigene Karriere nicht als Fußnote in einem Statistikbuch enden zu lassen. „Das Wichtigste ist, dass wir alle Mann an Bord haben“, wiederholt er und klingt dabei wie ein Flugkapitän, der weiß: Ohne Kabinenpersonal keine Notlandung.
Die Länderspielpause wird vorbei sein, bevor sie richtig begonnen hat. Dann geht’s zurück in den Alltag der Klubs, wo Kimmich bei Bayern München längst wieder 90-Minuten-Marathons läuft. Doch die Sommer-Vorfreude trägt diesmal keine Rekord-Quote, sondern die Frage: Schafft es Deutschlands Mittelfeld-General endlich, aus der inneren Klagemauer eine Startbahn zu bauen? Die Antwort steht in Basel und Stuttgart – und sonst nirgends.
