Kimmich blutet, deutschland gewinnt wild – das schweizer spektakel erklärt
Ein Ellenbogen trifft Joshua Kimmich mitten ins Gesicht. 67. Minute, St. Jakob-Park. Blut spritzt auf das grüne Kleeblatt-Logo, der Kapitän der Nationalmannschaft taumelt, fasst sich an die zersplitterte Oberlippe – und spielt weiter. Deutschland schlägt die Schweiz 4:3, Florian Wirtz liefert zwei Traumtore, doch die Nacht gehört dem Mann, der trotz Schmerz nicht aufgibt.
Warum dieses testspiel mehr war als ein ergebnis
Basel, 22:41 Uhr. Der Ball rollt, die Temperaturen sinken, die Emotionen kochen. Johan Manzambi, Stürmer von Freiburg, will den Ball klären, sein Ellenbogen pendelt wie ein Hammer in die völlig offene Bewegung von Kimmich. Absicht? Nein. Konsequenz? Eine Platzwunde, die sofort rote Fontänen zeigt. Manzambi entschuldigt sich, Kimmich nickt, der Schiri pfeift nicht einmal. Weiter geht’s. Diese Szene steht stellvertretend für einen Abend, an dem Julian Nagelsmanns Team lernte, dass Sieg nicht nur mit Toren, sondern mit Widerstandskraft geschrieben wird.
Die Zahlen sind verrückt: xG 2,8 zu 1,9 für Deutschland, Torschüsse 18:11, Ballbesitz 63 % – und trotzdem braucht es zwei späte Treffer, um die Eidgenossen zu bändigen. Die Schweiz traf aus ihren ersten drei nennenswerten Aktionen dreimal. Effizienz, die an Kroatiens WM-Läufer 1998 erinnert. Auf der Gegenseite steht Wirtz, der in 28 Minuten zweimal die Latte trifft, dann aber mit zwei Distanzkrachern und zwei Assists Geschichte schreibt. Sein zweiter Treffer: 27 Meter, links unten, Torwart Ati-Zigi noch im Sprung, Ball schon im Netz. YouTube wird das Ding die Nacht über viral gehen.

Kimmichs lippe, wirtz’ lächeln und das nagelsmann-experiment
Der Kapitän tritt nach dem Abpfiff vor die Kamera, eine fünf Zentimeter lange Naht ziert seine Oberlippe wie ein Kriegsabzeichen. „Ist nur Fleisch, nichts Gebrochenes“, sagt er mit leicht verschwollenem „s“-Laut. Dahinter lacht Wirtz, der nach seiner Doppelpack-Vorstellung plötzlich wieder in den Startelfplanungen für die EM auftaucht. Nagelsmann hatte ihn zuletzt nur als Joker eingeplant – nun ist die Diskussion offen. Denn neben dem Glanz von Wirtz zeigte die Defensive Lücken, die bei einem stärkeren Gegner bestraft werden. Süle und Tah wirkten gegen die schnellen Umstellungen der Schweizer wie Akteure in Zeitlupe, die rechte Seite mit Kimmich und Henrichs geriet ins Straucheln, sobald Freuler und Ndoye doppeltem.
Loft what nobody is talking about: Die Schweiz verzichtet auf fünf Stammspieler, darauf Shaqiri und Xhaka, und trifft dennoch dreimal aus dem Stand. Murat Yakin experimentiert mit einem 3-4-3, das sich in die deutsche 4-2-3-1 wie ein Messer in Butter schneidet. Wenn das kein Warnschuss für die EM-Vorbereitung ist, weiß ich auch nicht.
Am Ende zählt der Sieg, der Tabellenführung im März-Wettbewerb bedeutet und die Moral vor dem Duell mit Frankreich schürt. Kimmich? Er nimmt den Blutfleck mit nach Hause, Wirtz den Matchball. Und wir? Wir wissen jetzt, dass diese Nationalmannschaft auch dann gewinnt, wenn ihr Kapitän blutet und die Abwehr wackelt. Das ist kein schlechter Vorsatz für ein Sommermärchen, das noch geschrieben werden will.
