Ken roczen krönt supercross-könig: 349 zähler, ein armbruch und ein deutscher traum

Salt Lake City – 23.45 Uhr Ortszeit, Stadiolichter noch warm. Ken Roczen rollt mit aufgerissenem Visier über die Ziellinie, Platz fünf, und wird trotzdem zum König. Mit 349 Punkten schreibt der 32-jährige Thüringer Geschichte: Erstmals hält ein deutscher Fahrer die US-Supercross-Krone in den Händen. Drei lächerliche Zähler liegen zwischen ihm und dem Australier Hunter Lawrence, der nach einem Last-Lap-Sturz auf Rang sieben vergammelt und mit 346 Zählern die Meisterschaft verschenkt.

Roczens albtraumwoche endet mit gold

„Die ganze Woche war ein mentaler Marathon“, sagt Roczen, die Stimme rau wie nach 20 Runden voll Gas. „Ich bin müde. Endlich kann ich durchatmen.“ Wer ihm in die Augen blickt, sieht keine Euphorie, sondern pure Entladung. Drei Nächte lang hat er kaum geschlafen, stattdessen Daten und Linien analysiert, weil er wusste: Ein einziger Fehler würde die Saison ruinieren. Am Ende reichte ein biederer fünfter Platz – das hätte ihm vor zehn Jahren noch die Laune verhagelt, heute holt er sich damit den größten Titel seiner Karriere.

Die Nummer 94 fuhr die ganze Saison auf Messers Schneide. Fünf Siege, fünzmal Podium, keine Spektakelrennen – dafür konstante Nagelarbeit. Lawrence lieferte sich mit ihm ein Kopf-an-Kopf-Duell, das sich über 17 Runden zog. Beide holten je fünf Siege, beide lagen sich in Anaheim, Detroit und Seattle Sekundenbruchteile auf dem Buckel. Die Entscheidung fiel erst in der letzten Kurve von Salt Lake City, als Lawrence vorzeitig auf die harte Utah-Erde knallte und Roczens Vorsprung auf drei Punkte schrumpfte – aber nicht verschwand.

Vom wunderkind zum ausnahmekampfgeist

Vom wunderkind zum ausnahmekampfgeist

Roczen galt schon mit 15 Jahren als Rohdiamant. 2009 wurde er jüngster GP-Sieger aller Zeiten, danach folgten Weltmeistertitel, Podestfahrten in Luzern, Göteborg und Las Vegas. Doch 2017 rissen seine Arme beinahe aus den Gelenken: Doppelarmbruch, Stahlplatten, monatelange Reha. Eine Gürtelrose warf ihn 2020 zusätzlich zurück. Viele sprachen vom Ende, Roczen hörte nur Motorenlärm. „Ich wollte beweisen, dass Alter nur eine Zahl ist“, sagt er jetzt – und lacht verschmitzt, weil er mit 32 tatsächlich der älteste SX-Champion aller Zeiten ist.

Der Sieg schlägt Wellen bis ins beschaulade Bielstein. Im thüringischen Dorf, wo einst seine Minibike-Strecken durch Wiesen führten, feiert der MSC Bielstein durchgehend bis zum Morgen. Auch Deutschlands Motorsportpräsident Wolfgang Dürheimer meldet sich: „Ken hat Grenzen gesprengt. Das ist ein Meilenstein für den europäischen Motocross-Sport.“

Für Roczen geht es trotzdem sofort weiter. In zwei Wochen startet die AMA-Motocross-Saison in Foxborough. „Ich werde heute Nacht ein Bier trinken, morgen wieder ins Gym“, kündigt er an. Die Krone passt ihm, aber er will sie nicht verstauben lassen. 349 Punkte, ein Armbruch und ein deutscher Traum – mehr braucht es nicht, um sich in die Geschichtsbücher einzuprägen.