Kehrmann lacht, lemgo weint: schiri-patzer wirft trainer raus
Ein Schritt nach vorn, zwei zurück. Florian Kehrmann steht in der Kabinentribüne, die Hände in die Hüften gestemmt, und grinst wie ein Schuljunge, dem gerade ein Streich gelungen ist. Die Uhr tickt auf 30:30, die Teams wollen zum Anwurf der zweiten Hälfte anlaufen – und plötzlich flattert die blaue Karte. Zwei Minuten. Gegen ihn. Den Cheftrainer. „Ich dachte, das sei ein Scherz“, sagt er hinterher, „aber der Schiri meinte es todernst.“
Die szene, die kein tv-bild zeigt
Was genau fiel ihm da zum wiederholten Male ein? Kein Wort an die Bank, keine Handbewegung, keine Eruption. Die Arena ist still, die 4 200 Zuschauer atmen tief durch – und trotzdem schnappt sich Jannik Otto die erste gelbe Karte der Partie, zückt blau und schickt den Weltmeister von 2007 vorzeitig auf die Tribüne. Kehrmann lacht laut, schüttelt den Kopf, stapelt dann aber doch ab. „Ich habe gefragt, ob er sicher sei. Er nickte nur. Für mich war das ein Déjà-vu zur Fußball-WM 2006, als Zidane wegen Kopfnuss raus musste – nur dass ich niemanden angegriffen habe.“
Die Folge: Lemgo verliert den Faden. 14:11-Pausenvorsprung? Geschichte. Constantin Möstl, 23, stemmte sich mit acht Paraden noch in Führung, doch nach dem Kabinengang bricht die Abwehr ein. „Die Jungs schauten sich fragend an: Was war das denn?“, sagt der Keeper. „Plötzlich standen wir mit zehn Mann da, und Göppingen roch Blut.“

Junge schwaben drehen auf
Elias Newel, 21, erntet Standing Ovations – acht Treffer, vier Assists, ein Dauerläufer zwischen den Linien. Im Tor pariert Julian Buchele sechs Bälle in Folge, darunter zwei Siebenmeter. „Wir wollten endlich mal einen großen Fisch fangen“, sagt Buchele, „heute haben wir das Netz zugerissen.“
Kehrmann aber schreitet unaufhaltsam zur Seitenlinie zurück, notiert sich Zahlen, wirft Blicke gen Himmel. Bei 25:28 pfeift er die Auszeit. „Entscheidungen sind Entscheidungen. Wir können sie nicht ändern, wir können nur uns selbst ändern“, donnert er in die Runde. Es nützt nichts. Lemgo verliert 27:30, kassiert die zweite Niederlage im dritten Spiel und rutscht auf Rang neun.
Die Zahlen, die wehtun: Nach der Umverteilung der Kraftverhältnisse kassiert Lemgo 16 Gegentore in 18 Minuten, trifft selbst nur elfmal. Der direkte Vergleich mit den Europa-League-Plätze: bereits vier Punkte Rückstand. „Wenn wir so weitermachen, schauen wir im Mai nicht nach Barcelona, sondern nach Berlin – zur Relegation“, sagt Manager Frank Bornemann knapp.
Und Kehrmann? Er stapft durch die Mixed Zone, stoppt, zuckt mit den Schultern. „Ich habe schon als Spieler gelernt: Manchmal bekommst du Gelb, obwohl du gar nicht gefoult hast. Heute war so ein Tag. Wir haben den Kopf verloren – und ich durfte ihn nicht mal auf der Bank halten.“
