Katalanen-hass auf dem platz: schiedsrichter-polemik eskaliert in spanien

Es klingt wie ein Skript für eine Trash-TV-Show, ist aber bitterer Ernst im spanischen Fußball: Der frühere Referee Estrada Fernández und der noch aktive VAR-Beamte Pulido Santanaliefern sich einen Schlagabtausch, der weit über persönliche Ressentiments hinausgeht – und mitten in die gesellschaftliche Zerreißprobe des Landes führt.

Der anfang: „ein katalane, der kassiert hat“

Pulido Santana schleuderte im Podcast von Roque Cast alles in den Raum, was in Spanien seit Jahren under the surface brodelt: „Der Typ ist ein Unglück. Er hat sich zwar angezogen wie ein Schiedsrichter, aber nie einer richtig gewesen.“ Dann zog er die Regionalkeule: „Jetzt macht er den Superkatalanen, aber kassiert hat er bei der Förderung mit.“ Das Kürzel „katalanisch“ benutzte er dabei wie einen Makel, nicht wie eine Herkunft.

Die Bombe platzte am Montag. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.

Estradas gegenangriff: „das ist hassrede“

Estradas gegenangriff: „das ist hassrede“

Im katalanischen TV-Sender Esport3 konterte Estrada Fernández scharf: „Das sind keine dummen Sprüche mehr, das ist Anstachelung zum Hass und zur Katalonien-Feindlichkeit.“ Und er legte nach: „Wir sprechen hier von einem aktiven VAR-Offiziellen, der zugleich Polizist ist. Wo bleibt der CTA? Wo bleibt das CSD?“

Sein Vorwurf: Die Leitung der Referee-Kommission CTA und der vom Staat beaufsichtigte Verband RFEF schweigen sich aus, während ein aktiver Beamter Minderheiten rufschädigend attackiert. „Wenn wir das normalisieren, brauchen wir uns nicht wundern, wenn sich niemand mehr für Respekt auf dem Platz interessiert.“

Warum das ganze jetzt brisant ist

Warum das ganze jetzt brisant ist

Spanien steckt in einer Endlosschleife aus Territorial-Streit, Protesten und Blockaden. Die Fußball-Ebene war lange ein Ablassventil, doch seit der 1-O-Abstimmung 2017 ist auch der Rasen zum Politikum geworden. Läuft ein katalanischer Schiedsrichter zum Copa-del-Rey-Hymne auf, wird jede Geste zerpflückt. „Wenn dann ein Nationalpolizist im Fernsehen Katalanen pauschal als Schmarotzer diffamiert, ist das keine Privatmeinung mehr – das ist Einschüchterung am Arbeitsplatz“, sagt ein spanischer Verbandsexperte, der anonym bleiben will.

Die RFEF reagierte bislang mit Stille. Der CTA veröffentlichte keine Richtlinie, keinen Disziplinarbefehl. Kein Kommentar zu einem Mitarbeiter, der andere Kollegen als „desgraciado“ und „politisiertes Chamäleon“ diffamiert. Dabei steht die Technische Kommission formell unter Aufsicht des Consejo Superior de Deportes (CSD), also des Staates. „Wenn der CSD schweigt, legitimiert er die Hetze“, wirft Estrada dem Staatssekretariat vor.

Der preis des schweigens

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Pulido Santana weiter Videos checkt und dabei eventuell auch Estradas künftige Begegnungen beeinflussen kann. Ein Schiedsrichter, der weiß, dass sein VAR-Kollege ihn im Fernsehen als „charakterlichen Totalschaden“ bezeichnete – das ist keine Episode, das ist Gift für jede Spielkultur.

Der spanische Fußball hat genug andere Baustellen: Geisterspiele wegen Rassismus, Fan-Gewalt, Klubpleiten. Jetzt droht ihm auch noch das Image, dass er politische Kleinkriege der Offiziellen verharmlost. Estrada Fernández hat die Klappe aufgemacht, Pulido Santana die Würfel. Die RFEF muss sich positionieren – sonst macht sie sich mitschuldig an dem Hass, den sie sonst gern auf dem Papier bekämpft.

Der Countdown läuft. Wer jetzt schweigt, erklärt Katalonien-Hass zur Chefsache – und den Respekt auf dem Rasen zur Lachnummer.