Karina schönmaier liefert in stuttgart den ersten reality-check
Karina Schönmaier spürt den Hype auf der Haut. Ein 20-Meter-Plakat an der Mercedesstraße, Selfie-Stopps im Foyer, Mikrofone, die wie Stufenbarren aussehen. „Viel Presse, viele Interviews“, sagt sie und klingt, als würde sie sich selbst dabei zuhören. Seit Leipzig ist sie Doppel-Europameisterin – und plötzlich Gesicht des DTB-Pokals, der am Donnerstag in Stuttgart losrollt.
Die Zahlen sind knallhart: 24 Nationen, vier Tage, ein Topfeld, das sie auf dem Papier schon mal schlägt. Der Unterschied: Früher war sie Jägerin, jetzt steht ein rotes X auf ihrem Rücken. „Es ist cool, sich selbst auf dem Plakat zu sehen“, sagt sie, aber ihre Augen suchen nach der alten Anonymität. Die gibt es nicht mehr.
Helen kevric fehlt – und ihre geschichte nagt am system
Die deutsche Hoffnungsträgerin sitzt in der Reha. Helen Kevric, 16, rekonstruiert ihr Knie, rekonstruiert ihr Vertrauen. Ihre Abwesenheit wirkt lauter als manche Präsenz. Denn hinter ihr lastet der Skandal vom Stützpunkt Stuttgart: Missbrauchsvorwürfe, suspendierte Trainer, ein Structure-Debakel. Die Reaktion: Aimee Boorman, Ex-Coach von Simone Biles, sollte Ordnung bringen. Doch diese Woche kündigte der DTB die Zusammenarbeit – Ende, obwohl der Vertrag bis 2028 lief. Keine Begründung, nur ein Satz: „Wir danken für die geleistete Arbeit.“ Ein Satz, der nach Rauch riecht.
Kevric trainiert jetzt teils in Italien, teils in Stuttgart. Zwischen den Hallen pendelt auch ihre Wut. Sie beteuerte in Leipzig, kein Opfer gewesen zu sein. Aber das System? Das ist noch immer geschockt. Und Schönmaier spürt den Nachbeben. „Ich hoffe, dass ich tolle Übungen zeigen kann für das Team“, sagt sie – das Wort „Hoffnung“ fällt öfter als „Sieg“.

Zagreb und rotterdam liegen im nebel
Die Saison ist ein Dreiakt: Stuttgart als Generalprobe, Zagreb im August, Rotterdam im Oktober. Schönmaier weiß: Stuttgart zählt doppelt. Wer hier stolpert, fliegt im Sommer unter Radar. Ihr Mixed-Team am Samstag ist ein Blick in die Glaskugel: Partner aus Frankreich, Kanada, Brasilien – ein Mini-EM-Feld. „Wir sind alle jung, alle hungrig“, sagt sie. Die Konkurrenz schläft nicht, sie wartet auf den ersten Fehler.
Der DTB-Pokal gilt als „hartes Stück Brot“. Die Stuttgarter Porsche-Arena verwandelt sich in einen Hochgeschwindigkeitskurs: Sprungtische, die wie Katapulte wirken, Barren, die nach Nervenfieber riechen. Schönmaier trainiert dort, wo Kevric verletzt wurde. Ein Gedanke, der nichts mit Superstition zu tun hat, viel mehr mit Realität.
Die Uhr tickt. In 72 Stunden steht sie wieder auf dem Podest – oder eben nicht. Dann geht’s zurück ins Leben ohne Plakat, zurück in die Halle, wo niemand fotografiert. Sie lacht, als sie das sagt, aber das Lachen klingt wie ein Countdown.
