Kane zurück, neuer fehlt: bayerns risiko-poker in bergamo
Harry Kane trainiert, Manuel Neuer fehlt – und Max Eberl lüftet vor dem Champions-League-Achtelfinale in Bergamo den Blick auf Bayerns Zitter-Zone. Der Sportvorstand bestätigte am Montag im Flughafen-Terminal: Kane steht nach nur fünf Tagen Pause wieder zur Verfügung, Neuer fällt mit einem kleinen Muskelfaserriss aus. Die Botschaft klingt selbstbewusst, doch dahinter arbeitet die Angst, dass das 39-jährige Kapitänsmodell plötzlich ein Verfallsdatum bekommt.
Die wade, die alles verändert
Neuers Auswechslung zur Pause gegen Gladbach war kein Routine-Vorfall. Die Wade – dieselge Wade, die ihn 2022 sieben Monate lahmlegte – zwickt wieder. Eberl spricht von „nicht ewig lang“, verweigert aber eine konkrete Zeitangabe. Intern wissen sie: Jede Woche Ausfall verkürzt die Karriere des Weltmeisters um einen Monat. Deshalb fließt jetzt nicht nur Eiswasser in der Rehab-Zentrale, sondern auch kalhe Mathematik. Jonas Urbig (22) wird gegen Atalanta sein viertes Pflichtspiel binnen vier Wochen bestreiten – und plötzlich reden selbst Vereinsbosse über einen möglichen Ende der Neuer-Ära, ohne es laut zu sagen.
Kane wiederum lacht das Schicksal an. Ein Hieß auf die Wade, ausgeknockt für ein Bundesliga-Spiel – und schon ist er zurück. Die medizinische Abteilung sprach von „mildem Bluterguß“, Kompany nannte es „Glück im Unglück“. Tatsache: Ohne Tore des Engländers gewann der FC Bayern 4:1, doch in der Champions League ist die Tor-Abhängigkeit brutaler. In den Gruppenspielen schoss Kane fünf der zwölf Münchner Treffer. Fällt er aus, verändert sich die gesamte Anlaufrichtung des Angriffs. Deshalb wurde er gegen Gladbach nicht einmal eingewechselt – Vorsicht statt Show.

Atalanta: der underdog mit biss-reflex
Eberl warnt vor dem „vermeintlich kleinen Gegner“, der „jedes Jahr oben mitmischt“. Die Statistik gibt ihm recht: Atalanta schoss in der Europa-League-Saison 2023/24 26 Tore in 10 K.-o.-Spiele, im Finale machte Bayer Leverkusen die 0:3-Pleite. Gasperinis Mannschaft presst in 4-4-2-Varianten, schaltet in Sekunden um und traf zuletzt in 14 europäischen Heimspielen nur zweimal nicht. Für Bayern bedeutet das: Urbig braucht nicht nur Reflexe, sondern auch eine kompakte Viererkette, die sich nicht auflöht, wenn Lookman, De Ketelaere & Co. diagonal sprinten.
Die personelle Lage bleibt ein Puzzle. Alphonso Davies kehrt nach Faserriss zurück, wird wohl aber zunächst auf der Bank sitzen. Hiroki Ito absolvierte erste Lauf-Übungen, doch seine zehn Ligaspiele dieser Saison zeigen: Der Japaner ist aus Glas und Gold zugleich. Die Bayern wollen ihn nicht erneut überfordern, zumal Eric Dier und Dayot Upamecano zuletzt stabile Vorstellungen boten.
Am Ende bleibt die Gretchen-Frage: Wie viele Ausfälle verkraftet ein Klub, der auf drei Fronten den Titel will? Die Antwort liefert die Tiefenanalyse: Wenn Kane trifft und Urbig hält, überlebt Bayern auch ein Neuer-Loch. Fliegt die Kugel aber dreimal ins Netz, wird aus der Ruhe ein Sturm. Die Rechnung ist simpel – und deshalb hat Eberl schon den nächsten Satz parat: „Wir sind der Favorit, aber Favoriten haben in Bergamo schon gezittert.“ Das klingt nach Erfahrung. Und nach einem Abend, der über eine Saison entscheiden kann.
