Juve-pressing wirkt, trifft aber nicht: spallettis geheimwaffe versiegt vor dem tor

230-mal schockten die Bianconeri den Gegner in dessen Hälfte, 54-mal folgte sofort ein Schuss – und nur zweimal zappelte das Netz. Die Zahlen sind ein Sahnehäubchen für Luciano Spalletti, aber auch ein Stich ins Herz. Seine Juventus dominiert die Statistik der Balleroberungen im Vorwärtsgang, verpasst es aber gnadenlos, daraus Kapital zu schlagen.

Der plan: ein hungriger schwarm statt dauerlauf

Anders als Jürgen Klopps alter „Heavy-Metal-Fußball“ verzichtet Spalletti auf Dauerpressing. Die Mannschaft wartet ab, wie ein Giftspinnennetz, das erst zuckt, wenn die Beute in Reichweite tanzt. Verliert Juve den Ball, schaltet sie innerhalb von zwei Sekunden um, schränkt dem Gegner die Zeit ein, sich neu zu ordnen. Die Folge: das meiste Gegenpressing der Liga, aber eben auch das ineffizienteste.

Die Lücke zur Konkurrenz ist riesig. Inter trifft alle acht Abschlüsse nach Balleroberung, Juve braucht 27. Das ist kein mickiger Unterschied, das ist ein Grollgraben. Spieler wie Dusan Vlahovic und Kenan Yildiz kommen zwar in Position, verpassen dann aber entweder den richtigen Moment oder verstecken sich hältbarer Abschlüsse. Spalletti hat die Szene auf der Videoleinwand schon dutzendfach vorgespult – und jedes Mal die Hand vor die Stirn geschlagen.

Warum die kugel nicht reinwill

Warum die kugel nicht reinwill

Ein Grund liegt im Rhythmus. Die meisten Ballgewinne fallen zwischen der 15. und 70. Minute, wenn das Spiel offen ist und die Beine noch top. Doch statt blitzschneller Doppel-Pässe folgt oft ein Haltemodul, ein zusätzlicher Kontrolltouch. Sekundenbruchteile, die der Gegner nutzt, um die Räume zuzustellen. Ein zweiter Faktor: die fehlende Dreierkette in der Mitte. Im 4-3-3 springt niemand automatisch als freier Mann hinter der ersten Pressinglinie auf, sodass ein misslungener Fangsprint sofort zu einem Konter wird. Die Risikobremse zieht, der Mutenwickler bleibt auf halber Strecke stehen.

Spalletti hatte schon in Napoli bewiesen, dass er aus Daten Tugend macht. Dort dauerte es zwei Saisons, bis das Pressing zur Torschützenmaschine wurde. In Turin tickt dieselbe Uhr. Die Ineffizienz frisst sich momentan in die Köpfe, doch der Coach weiß: Automatismen altern wie guter Wein. Wenn die erste Bude nach Ballklau fällt, könnte eine Lawine losrollen.

Die nächsten Gegner kennen die Statistik – und sie fürchten sich trotzdem. Weil 230-mal Angst ein Impfstoff ist, der sich mit jedem Sprint verstärkt. Weil irgendwann die 27. Schuss-Chance sitzt. Und weil Spalletti, 67, nie eine Waffe beerdigt, sondern nur umschmiedet, bis sie endlich trifft.