Johannes thingnes bö wirft das gewehr weg und zapft an

Die Schießscheibe ist Geschichte. Johannes Thingnes Bö will künftig Wein einschenken statt Treffer einfahren. Der 32-jährige Ex-Biathlon-Bezwinger eröffnet im September Vingeriet, eine Bar mitten in Kongsvinger – 80 Kilometer nordöstlich von Oslo, aber Lichtjahre vom Weltcup-Fieber entfernt.

Vom fünffachen olympiasieger zum restaurant-neuling

Seine Partnerinnen: Ehefrau Hedda und Spitzenköchin Mari Sobye Ostlid. Das Konzept klingt schlicht, ist aber ein Millimeter-Projekt. Kleine Tapas, Gläser Wein, dazu gedämpfte Beats bis spät in die Nacht. „Ich werde kein Barkeeper“, betont Bö, „aber ich bin dabei, wenn Kisten geschleppt, Weinkarten überarbeitet oder das Marketing überdacht wird.“

Die Idee reifte seit seinem Karriereende nach der Saison 2024/25. Neun olympische Medaillen, 23 Weltmeistertitel – und plötzlich war Stillstand. „Der Sport war mein Sprungbrett“, sagt er. „Aber Biathlon war einfach zu leicht. Das hier wird richtig hart.“

Die erste saison ohne zielscheibe

Die erste saison ohne zielscheibe

Ein Instagram-Post der angehenden Wirte wirbt schon jetzt für den Auftakt: gemütliche Sitzkissen, offene Weinkeller, ein Hauch Industrie-Chic. Dahinter steckt mehr als Lifestyle. Bö investiert ein siebenstelliges NOK-Vermögen, das er sich über Jahre an Prämien und Sponsoring erlaufen hat. Die Miete in der Fußgängerzone von Kongsvinger schlägt lokalen Medien zufolge mit umgerechnet 120.000 Euro pro Jahr zu Buche.

Doch die Rechnung geht nur auf, wenn Gäste kommen – und wiederkommen. Norwegische Gastronomie-Kritiker orten ein erhöhtes Risiko. Kleine Städte jenseits der Oslo-Metropolregion kämpfen seit Jahren mit leerstehenden Lokalen. Boom-Zeiten hatten sie zuletzt, als die Corona-Ausgangssperren aufgehoben wurden. Seitdem stagniert die Frequenz.

Warum der biathlon-gigant gerade jetzt umsattelt

Warum der biathlon-gigant gerade jetzt umsattelt

Bö braucht den Nervenkitzel. Als Experte bei NRK war er olympisch gefragt, doch das reichte nicht. „Wenn du 15 Jahre lang jeden Herzschlag hörst, willst du das Gefühl behalten, nur eben anderswo“, sagt er. Wer jetzt erwartet, dass er seine Präzisions-Mentalität auf Weine und Käseplatten überträgt, irrt. „Ich kenne mich mit Rebsorten gerade so gut aus wie ein Neuling mit der Kleinkalibrifle. Aber ich lerne schnell.“

Die erste Probier-Session lief bereits. Freunde testeten Menü-Vorschläge, notierten nach jedem Gang die Zufriedenheit in einem Excel-Bogen. Bö nannte das „meine neue Schießkarte“. Am Ende steht eine Hit-Liste von sieben Weinen und zwölf Tapas – alles zügig servierbar, weil die Küche nur 18 Quadratmeter misst.

Daten, die das projekt stemmen müssen

200 Sitzplätze gibt es drinnen, 70 draußen. Geöffnet wird täglich ab 15 Uhr, Schluss erst, wenn der letzte Gast geht. Bö rechnet mit 250 Gästen pro Tag an Wochenenden, 120 unter der Woche. Brutto-Umsatzziel für das erste Jahr: 1,8 Millionen Euro. Klingt ambitioniert. Doch wer mit neun olympischen Medaillen ins Rennen ging, für den ist ein voller Gastraum nur eine neue Disziplin.

Ein Faktor ist bereits gesichert: Prominenz. Boe hat 1,2 Millionen Follower auf Instagram, die norwegischen Winterstars stehen Schlange, den Starttermin mitzufeiern. Ob das reicht, um auch im Sommer 2026 noch Tische zu füllen, entscheidet sich jenseits von Medaillen und Podest-Küssen.

Am 14. September fällt der Startschuss. Dann steht Bö nicht auf der Schießbahn, sondern an der Tür von Vingeriet und begrüßt seine Gäste. Keine Glocken, keine Nationalhymne – nur das Klackern von Wein-Gläsern. Und vielleicht das ein oder andere Mal sein altes Lachen, das man kennt von der Siegerehrung. Nur eben jetzt hinter einem Tresen statt auf einer Eisfläche.