Jantscher packt aus: warum salzburg plötzlich angst vor graz hat
Sturm-Legende Jakob Jantscher zündet vor dem Spitzenspiel am Freitag schon mal die Sirene. Sein Urteil: Salzburg ist angeschlagen, Graz zur Stunde unangenehmster Gast der Liga. Der Grund liegt tiefer als nur eine Formkrise – und betrifft den gesamten österreichischen Fußball.
Der Countdown läuft. Am Freitag empfängt Sturm Graz RB Salzburg, und plötzlich ist der Meister nicht mehr der Favorit. „Wenn man vier Spiele in Folge nicht trifft, ist das ein Problem, das es in der RB-Ära noch nie gab“, sagt Jantscher. Das 0:4-Debakel in der Conference League gegen Besiktas war nur die Spitze eines Eisbergs, der seit Monaten durch die Liga treibt.
Ein freund steht am abgrund
Daniel Beichler, seit Kurzem Co-Trainer in Salzburg und früher Jantschers Mitspieler in Graz, übernimmt den Karren in einer Ausnahmesituation. „Beichi lebt für Fußball, das ist keine Frage. Aber er tritt eine Aufgabe an, die selbst erfahrene Coaches scheitern lässt“, erklärt Jantscher. Die Mannschaft wirkt ideenlos, das Kollektiv verunsichert. Die Tordürre ist Symptom, nicht Ursache.
Die Liga hat sich eingeholt. Früstückte Salzburg einst vor dem Frühstück die Konkurrenz, fordern nun Klubs wie Sturm, LASK oder die Austria die Vorherrschaft heraus. Die Folge: Die Bundesliga rutschte in der Fünfjahreswertung auf Platz 17 ab, hinter Tschechien und Zypern. Ein Offenbarungseid für ein Land, das 2022 noch Achter war.

Österreich muss sich neu erfinden
Jantscher sieht das Problem strukturell: „Wir haben es versäumt, Ideen für den Ballbesitz zu entwickeln.“ Als Vorbild nennt er Bodö/Glimt, das keinen Haaland braucht, um in der Champions League anzuklopfen. „Dort läuft jeder mehr als in der österreichischen Liga und spielt trotzdem technisch hochstehenden Fußball.“
Die Transferbilanz spricht Bände: Haaland, Szoboszlai, Adeyemi, Keïta – all diese Namen zogen durch Salzburg und verließen die Liga reicher an Erfahrung, aber ärmer an Strahlkraft. Heute wählen junge Talente Prag vor Wien, Rotterdam vor Graz. „So ehrlich müssen wir sein“, sagt Jantscher.

Kiteishvili rückt in die legendenliga auf
In Graz hält man sich mit Selbstzweifeln zurück. Otar Kiteishvili liefert Woche für Woche die Show, die früher nur Ivica Vastic bot. „Ivica bleibt meine Nummer eins, weil er Sturm international bekannt gemacht hat. Aber Otar ist mittlerweile ganz dicht dran“, schwärmt Jantscher. Der Georgier vereint Intensität mit Kreativität, ist Kopfballstarker Zwerg und Spielmacher in einem.
Die altehrwürdige Mittelfeldraute hat Graz zugunsten variabler Ballbesitzphasen abgelegt. Fabio Ingolitsch wagt den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Die Wirkung: Sturm dominiert phasenweise wie Salzburg in Bestzeiten, nur eben ohne den Druck, jedes Jahr Titel liefern zu müssen.

Die meisterfrage ist offen wie nie
Rapid-Coach Johannes Hoff Thorup träumt laut vom Titel, nach dem 3:0 in Salzburg sogar mit Fug und Recht. „Wenn ich Trainer eines Meistergruppen-Teilnehmers wäre, würde ich auch die Meisterschaft als Vision haben“, stützt Jantscher die Attacke des Dänen. Die Ära ewiger Salzburg-Dominanz ist vorbei, die Liga so ausgeglichen wie seit 2004 nicht.
LASK, Austria, Hartberg – alle träumen mit. Der Unterschied: Sturm besitzt mit Kiteishvili den X-Faktor und mit dem GRAZ-er-Flow ein Klima, das Gegner erdrückt. „Wenn die Fans und die Mannschaft in einen Flow kommen, entsteht eine Dynamik, die Titel bringen kann“, sagt Jantscher.
Die Prognose für Freitag ist eindeutig: Salzburg reist mit Bauchgrimmen an, Sturm mit Selbstvertrauen. Der Sieg würde die Grazer an die Tabellenspitze katapultieren – und RB endgültig in die Krise stürzen. Dann wäre nicht nur Beichler am Abgrund, sondern ein ganzes Modell.
