Italiens letzte chance: zwei spiele vom abgrund entfernt

Die Azzurri stehen vor der Qualifikation zur WM 2026 – und vor dem Scherbenhaufen ihrer eigenen Geschichte. Erst Bergamo, dann Wales oder Bosnien. Drei Tage, zwei K.o.-Spiele, ein einziges Ziel: endlich wieder eine Weltmeisterschaft erreichen, nachdem sie 2018 und 2022 zusahlen, wie andere spielten. Das wäre das dritte Fehlen in Folge, ein Debakel ohne Beispiel für eine Nation, die einst als Garant für Turnierstärke galt.

Die verletztenliste liest sich wie ein krimi

Gennaro Gattuso muss auf Guglielmo Vicario verzichten, den Stammkeeper von Tottenham. Federico Chiesa fehlt ebenfalls – ein Schock, war der Liverpool-Flügel doch gerade nach 22 Monaten Abstinenz zurück in den Kader berufen worden. Di Lorenzo, Gabbia, Zaccagni: allesamt ausgefallen. Die Abwehr gerät zum Puzzle mit fehlenden Teilen. Und dann die Frage, die in den sozialen Netzwerken durchs Land geht: Warum Nicolò Zaniolo nicht dabei ist, der bei Udinese fünf Tore und fünf Vorlagen lieferte – nur Inter-Linksverteidiger Dimarco kann diese Bilanz Serie-A-weit toppen.

Die Antwort lautet: Gattuso will keine Experimenten, er will durchkommen. Deshalb setzt er auf Donnarumma als Lotse zwischen den Pfosten, auf Barella und Tonali im Zentrum, auf Retegui und Scamacca im Sturm. 28 Namen, aber kein einziger garantiert Ruhe. Denn die Statistik nagt: Seit der WM 2006 hat Italien nur einmal die K.o.-Phase erreicht – und das war 2012 bei der EM. Seitdem Gruppenphase oder Zuhausebleiben. Die Zahlen sprechen eine Sprache, die kein Fan hören will.

Die angst vor dem eigenen erbe

Die angst vor dem eigenen erbe

Die Azzurri tragen nicht nur das Trikot, sie tragen die Last von vier verpatzten Turnieren. Die Erinnerung an die 0:1-Niederlage gegen Nordmazedonien im Play-off 2022 sitzt tief. Die Bilder von Bergamo, wo damals Tränen und Buhrufe im Nebel hingen, kehren zurück. Diesmal soll das Stadion zur Festung werden – 21.000 Stimmen, die „Fratelli d’Italia“ schmettern und gleichzeitig die Kehle der Nordiren zuschnüren. Denn wer hier stolpert, stolpert vielleicht für immer aus der Weltspitze.

Gattuso weiß das. Er redet nicht vom Titel, er redet vom Überleben. „Wir müssen zwei Finals gewinnen, sonst redet niemand mehr von uns“, sagte er nach der Nominierung. Der Terminkalender ist gnadenlos: Schafft Italien das Play-off-Halbfinale, folgt am 21. November das Endspiel in Cardiff oder Zenica. Dort wartet entweder ein walisisches Team mit Ben Davies und Daniel James oder Bosnien um Edin Džeko, dessen letztes Turnier vielleicht sogar die eigene Abschiedstour wird. Beide Gegner sind schlagbar – und doch brandgefährlich, wenn die Azzurri das Tempo verlieren.

Die Uhr tickt. In Coverciano misst der Verband jeden Sprint, jede Herzfrequenz. Die Analysten haben Nordirlands Umstellung von 5-3-2 auf 4-3-3 im Oktober geclippt, die Flanken von Conor Bradley katalogisiert, die Zweikampfquote von Isaac Price ausgerechnet. Kleinste Details sollen den Unterschied machen, weil der große Plan fehlt: ein Turnier, das man seit 1982 nicht mehr gewonnen hat. Die Spieler wissen: Ein Sieg löst keine Probleme, aber eine Niederlage öffnet die alten Wunden für immer.

Am Ende bleibt die simple Wahrheit: Entweder Italien bucht den Flug nach Nordamerika – oder die nächste Generation wächst ohne WM-Erinnerung auf. Für einen Fußballland wie das ihre eine Katastrophe, gemessen an dem, was einmal war. Die Chancen stehen 50:50, die Angst bei 100 %. Und die Zeit läuft ab, Sekunde um Sekunde, bis der Schiri in Bergamo pfeift. Dann ist alles gesagt – oder nichts mehr zu retten.