Italiens lazarett wird zur stärke: verletzte stars reisen mit nach bosnien

Stefan Fischer, TSV Pelkum Sportwelt – Florenz. Der Begriff „Teamgeist“ ist inflationär. In Coverciano hingegen wird er gerade neu geschrieben, ohne PR-Phrase und mit vier Spielern, die eigentlich auf der Krankenliste stehen.

Torhüter Vicario laboriert an einer Leisten-Operation, Di Lorenzo, Gabbia und Zaccagni an Muskelfasern, Prellungen, Bandagen. Keiner von ihnen wird in Zenica auflaufen. Alle sind trotzdem eingestiegen – in den Bus, nicht in den Kader. „Wir wollten dabei sein, wenn das Ticket fürs Ticket geschrieben wird“, sagt Zaccagni knapp, während er seine Reisetasche mit Schienung und Eisbeutel über die Schulter wirft.

Gattusos hymne auf die ersatzbank der seele

Trainer Gattuso braucht keine laute Ansprache. Er schaut nur zur Seite, wo Scamacca auf Krücken steht, Bastoni die Hüfte kühlt und Politano mit der Physio-Truppe sprintet. „Das ist keine Reha-Einheit, das ist unsere Startelf der Moral“, sagt er und lacht schrill, als hätte er wieder einmal einen Zweikampf gewonnen, diesmal gegen die Verletzungsliste.

Die Aktion erinnert an alte Tage: Buffon, der 2006 mit Fieber sang, Bonucci, der 2021 mit Bandage Titel-Tango tanzte. Die Tradition lebt weiter, nur die Generation ist jünger. Mancini etwa spielte für die Roma mit Wadenriss, flog trotzdem nach Bergamo, stach das Irland-Spiel mit – und flog zurück, noch mehr gerissen, aber mit 3:0 im Gepäck.

Die Zahl spricht für sich: 44 Trikots wurden für Bosnien bestellt, statt 23. Mehr als die Hälfte trägt den Stempel „medical staff“. Die Logistik ist ein Albtraum, die Botschaft ein Traum. Sponsor Panini druckt sogar Aufkleber mit Abwesenheits-Notiz: „Nicht gespielt, aber dabei.“ Sammelwahn trifft Seelenbalsam.

Der countdown läuft: dzeko wartet, italien reist mit 44 statt 23

Der countdown läuft: dzeko wartet, italien reist mit 44 statt 23

In Zenica erwartet Dzeko eine Italiener-Armee, die er so nicht erwartet hatte. Keine Stars, aber 44 Koffer voller Entschlossenheit. Die Quoten für ein italienisches Auswärtstor steigen, die Moral steigt noch schneller.

Am Dienstagabend wird kein Lazarett in der Kabine sitzen, sondern eine Reservebank aus Muskeln, Bändern und Herz. Wenn der Schiri pfeift, fehlt vielleicht der eine oder andere Name auf dem Bogen – nicht aber im Kopf der Elf, die draufsteht. Und sollte es am Ende penaltys werden, weiß jeder, wer hinten in der Reihe steht und mitsingt, auch wenn er nicht treten darf.

Der Bus rollt aus Florenz. Hinten, zwischen Eisbox und Bandagen, sitzt ein verletzter Torhüter und grinst. „Wir sind hier, um Geschichte zu schreiben – auch wenn sie erst mal nur in unserem Bus entsteht.“ Die Fahrt nach Bosnien dauert zwölf Stunden. Die Wirkung wird länger halten.