Italien scheitert in cardiff – quesada sieht trotzdem den historischen fortschritt
31:17 in Cardiff – die Zahlen brennen sich ins Gedächtnis, obwohl das Sechs-Nationen-Turnier für Italien am Ende so viel versprach wie selten zuvor. Zwei historische Siege gegen Schottland und England, ein mutiges Aufbäumen in Dublin, und dann diese kalte Dusche im Millennium Stadium. Trainer Gonzalo Quesada sprach nach dem Schlusspfiff von einem „bitteren Nachgeschmack“, betonte aber sofort: „Vor sieben Tagen waren wir noch keine Rugby-Könige, heute sind wir keine Lahmärsche.“
Die wahrheit steckt in den ersten 50 minuten
0:31 nach einer Stunde – so sieht eine Katastrophe aus, die kein Analyst erklären muss. Quesada zählte hinterher die Fehler auf, als würde er ein Training analysieren: verpasste Tackles, verlorene Bälle in der Nahkampfzone, zwei ausgelassene Try-Chancen bei stilligem Spielstand. „Wales hatte drei Chancen und machte drei Versuche. Das ist keine Glücksgeschichte, das ist Effizienz, und die haben wir heute vermissen lassen.“
Kapitän Michele Lamaro ging noch einen Schritt weiter. „Inkonsistent“ nannte er das Team, vor allem im Line-Out und im Gedränge. „Wir haben Druck aufgebaut, aber nie den Deckel drauf gemacht. In so einem Stadion zählt nur das Ergebnis, und 0:31 ist ein Spiegelbild unserer Kopflosigkeit.“

Warum italien trotzdem nicht in panik verfällt
Die Logik des Turniers lautet: Letzte Spiele prägen Erinnerungen. Quesada weigert sich, diese Logik zu akzeptieren. „Wir haben 320 Minuten lang bewiesen, dass wir mit den Besten mithalten können. Wer jetzt nur an Cardiff denkt, verpasst den Wald hinter den Bäumen.“ Tatsächlich: Erstmals seit der Teilnahme 2000 blieb Italien in den ersten vier Partien jedes Mal bis zur 60. Minute im Soll, holte zwei Siege und kassierte in Dublin eine umstrittene Niederlage, nachdem der Video-Schiedsrichter einen legitimen Try aberkannte.
Die Zahlen sprechen für sich: 14 erzielte Versuche, die zweitbeste Ausbeute der Italien-Historie, ein Punktesaldo von +13 nach vier Spielen und eine defensive Disziplin, die sich vor Spitzenmannschaften nicht versteckt. „Wir sind kein Blitzlicht mehr, wir sind ein Gewitter, das bleibt“, sagte Zweitligaspieler Federico Ruzza.

Sommer-tour wird den charakter testen
Bereits im Juni wartet die nächste Härteprobe: Testspiele in Tokio, Auckland und Wellington gegen Japan, Australien und die All Blacks. Quesada lachte, als ein Reporter nach „Erholungszeit“ fragte. „Erholung gibt es auf diesem Level nicht. Wer nach Cardiff denkt, ist zu spät für die Zukunft.“
Die Botschaft ist klar: Italien will den Schwung mitnehmen, nicht die Bruchstellen reparieren. Denn wer zweimal Geschichte schreibt, darf sich nicht von einer halben Stunde Kollektiv-Blackout definieren lassen. Die Niederlage schmerzt, aber sie ist längst nicht das Ende eines Prozesses – sie ist die erste Seite des nächsten Kapitels.
