Italia zerbricht an bosnien: di chiara warnt vor mentalem debakel
Sieben Tage nach dem 1:0 gegen Nordirland droht der Squadra Azzurra bereits das nächste Trauma. In Zenica wartet kein Fußballspiel, sondern ein psychologischer Stresstest. „Wir sind mental noch nicht mal angekommen“, sagt Alberto Di Chiara – und meint damit nicht nur den Play-off-Final, sondern den Zustand des gesamten italienischen Fußballs.
Di chiara sieht gattuso vor der zerreißprobe
Der ehemalige Linksverteidiger kennt die Druckkessel der WM-Qualifikation aus 14 Serien-A-Saisons. „Ein Auswärtsspiel in Bosnien ist kein Taktikproblem, es ist eine Frage der Kopfhaut“, erklärt er im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt. „Die Jungs haben sich gegen Nordirland selbst befreit, jetzt müssen sie beweisen, dass sie auch ohne Heimpublikum laufen.“ Gattuso habe „null Spielraum“ – weder im Kader noch in der Formation. „Wer soll denn rechts spielen, wenn Politano ausfällt? Da wird ein 19-Jähriger aus Parma plötzlich zum Hoffnungsträger.“
Die Video-Szene, in der Dimarco und Co. die Bosnier als „liebsten Gegner“ feiern, hat Di Chiara nicht überrascht. „Das ist kein Respektlosigkeit, das ist menschlich. Aber wir haben ihnen Benzin geliefert. Ausgerechnet jetzt.“ Der UEFA-Zufall habe Italien erneut vor den Abgrund gestellt – und den Bosniern die Rolle des Rächers in die Hand gegeben.

Retegui oder esposito: gattuso steht vor dem sturm-geheimnis
Die einzige echte Personalie betrifft die Spitze. Gegen Nordirland wirkte Mateo Retegui wie gelähmt, seine ersten Ballkontakte erinnerten an einen Spieler, der den Platz vermisst. Di Chiara würde umtauschen – aber nicht leichtfertig. „Pio Esposito hat Dynamik, aber Zenica ist kein Spiel für Debütanten. Dort pfeift der Schiri, und du spielst gleich mit zehn Mann weiter. Da zählt Erfahrung.“
Die größte Sorge aber ist die Breite des Kaders. „Wir haben keine Bank mehr, wir haben ein Regal“, sagt Di Chiara mit bitterem Unterton. „Früher saßen Totti, Inzaghi oder Del Piero draußen. Heute fragt man sich, ob der dritte Torwart ein Bundesliga-Spieler wäre.“

Italien ohne weltmeisterschaft: eine verlorene generation
Die Statistik nagt am Selbstbild des viermaligen Weltmeisters. Seit 2014 schaut Italien zu, wie Island, Panama oder Katar dabei sind. „Es gibt Zwölfjährige, die die Azzurri nie auf der großen Bühne gesehen haben“, rechnet Di Chiara vor. „Das ist keine Pause, das ist ein Kulturbruch.“ Die Lösung liege nicht in neuen Spielsystemen, sondern in der Rückkehr zur Straßen-Football-DNA. „Wir kopieren die Deutschen, die Spanier, die Franzosen – vergessen dabei, dass unsere Stärke immer die individuelle Klasse war. Wo sind die Spieler, die den Gegner dreimal fallen lassen? Die mit dem ersten Kontroll-Touch den Platz verändern?“
Bis dahin bleibt nur der nächste Knock-out. Ein Sieg in Zenica würde das Ticket nach Nordamerika lösen – und den freien Fall vorerst stoppen. „Aber verlieren wir wieder, ist das nicht nur ein Spiel verloren“, warnt Di Chiara. „Dann beginnt die zweite Dekade der Banalität. Und die kriegen wir nicht mehr auf.“
