Italia ignoriert den bus: 68 % fahren nie, 34 milliarden zahlen alle
Rom – Fast jeder zweite Italiener setzt sich ins Auto, weil der Bus einfach nicht kommt. Laut Eurostat verzichtet 68 % der Bevölkerung komplett auf öffentliche Verkehrsmittel – nur Zypern schneidet schlechter ab. Die Folge: Staus, Smog und ein Gesundheitszusatzkostenberg von 34 Milliarden Euro jährlich, beziffert die Società italiana di Medicina ambientale.

Die zahlen, die niemanden kalt lassen sollten
Während Luxemburg nur 15 % Nicht-Nutzer hat, bricht Italien mit 68 % den Negativrekord Süd Europas. Die Statistik kennt kein soziales Milieu: Arme und Reiche gleichermaßen steigen aus – 69 % der besser Verdienenden meiden Bus und Bahn. Roma kostet der Verkehr 76 Stunden Lebenszeit pro Autofahrer und Jahr, Mailand 67. Die Durchschnittsgeschwindigkeit: 20 km/h – ein Witz für eine europäische Metropole.
Der Smog liefert das nächste Fiasko. 26 % der Treibhausgase stammen vom Verkehr, 50 % der Stickoxide, 13 % des Feinstaubs. Sima rechnet vor: Senkung der PM2,5 um nur 10 Mikrogramm würde die Sterberate um 7 % drücken, Herzinfarkte um 26 %. Doch statt U-Bahn-Tunnel bohrt Italien weiterhin nach Öl fürs Eigenauto.
Gianpiero Strisciuglio, Präsident der Transport-Industrie-Vereinigung Agens, wirft der Politik „strukturelle Kurzsichtigkeit“ vor. „Wir Betreiber können Türen und Türen ölen, wenn der Fahrplan nicht stimmt und die Tickets teurer als Benzin sind.“ Tatsächlich fehlt laut Agens allein im Süden ein Drittel der vorgeschriebenen Busflotte; 40 % der Bahnhöfe Süditaliens haben keinen barrierefreien Zugang. Wer da auf den ÖPNV setzt, braucht Nerven – oder keine Alternative.
Die Pandemie hat das Misstrauen verstärkt. Europäische Umfragen zeigen: Viele halten Busse und U-Bahnen für unhygienisch und unsicher. In Mailand schlagen 42 % der Befragten vor, lieber per Auto zu stauen, als „zu lange in verschwitzten Gängen zu stehen“, wie ein Pendler es formuliert. Die Konsequenz: Mehr Autos, mehr Staus, mehr Lärm – ein Circulus vitiosus mit Promille-Abgas-Geruch.
Doch es gibt Gegenentwürfe. Bologna führt seit 2024 eine „virtuelle U-Bahn“ ein: reservierte Busspuren, Taktdichte alle drei Minuten, Echtzeit-App mit Platz-Zähler. Ergebnis: 18 % mehr Fahrgäste in sechs Monaten, 12 % weniger Pkw-Verkehr. Die Maßnahme kostete 42 Millionen – umgerechnet einen Euro pro Einwohner. Ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass Rom allein für Notfall-Asthma-Behandlungen jährlich 160 Millionen ausgibt.
Die Rechnung ist einfach: Wer heute spart, zahlt morgen doppelt. 34 Milliarden jährlich für Luftschadens-Krankheiten, dazu 76 verschwendete Stunden im Stau – das ist der Preis für ein Land, das den öffentlichen Nahverkehr wie ein wahlfreies Angebot behandelt, während er längst zur Infrastruktur-DNA moderner Städte gehört. Italien steht am Scheideweg: endlich umschalten – oder weiter auf der Überholspur des Smogs ins Krankenhaus rasen.
