Iranerinnen stehen australien-kalender: krieg, familie, abschied
Die iranische Frauen-Nationalmannschaft flog zu einem Turnier nach Sydney – und landete mitten in einem Albtraum. Raketen über Teheran, ein diktatorisches Regime, das sich rächt, und ein Angebot: Bleibt, dann dürft ihr eure Familien vielleicht nie wiedersehen. Geht zurück, riskiert ihr Gefängnis oder Schlimmeres.
Die protest-geste, die alles auslöste
Vor dem Eröffnungsspiel schwiegen elf Spielerinnen während der Nationalhymne. Kein Lippenbekenntnis, keine Hände aufs Herz. Für das Regime ein Akt der Missachtung, für die Athletinnen ein stummes Statement gegen Unterdrückung und Kopftuchzwang. Die FIFA schwieg, der Verband in Teheran reagierte sofort: Ausschuss, Ermittlungen, Drohungen gegen Angehörige.
Als das Turnier endete, warteten bereits australische Visa. Die Botschaft öffnete Nachts den Krisenstempel. Zwei Tage lang saßen 23 Fußballerinnen in einem Hotel nahe Sydney Harbour und diskutierten, ob das Leben jenseits der iranischen Grenze mehr wert ist als das ihrer Mütter, Brüder und Cousins. Am Ende blieben nur zwei: die 19-jährische Torhüterin Zahra Khorrami und ihre Freundin Parisa Rouzitalab. Die restliche Truppe flog über Kuala Lumpur, weil Teherans Flughafen wegen israelischer Luftangriffe gesperrt ist.

Was auf sie wartet: krieg und geisterhaftung
Die Rückkehrer schlafen derzeit in einem Transit-Hotel Malaysias, Flugzeuge nach Iran starten erst wieder, wenn die Luftraum-Sperre fällt. Agenten des Revolutionsgarden sollen bereits Listen mit Namen jener Spielerinnen kursieren lassen, die „unbotmäßig“ gehandelt haben. Strafen reichen von Berufsverbot bis zu Haft wegen „Propaganda gegen das System“. Die Familien der beiden Ausreißerinnen wurden laut australischen Medien bereits verhört; ihr Bankkonten eingefroren.
Dr. Kylie Manson, Sportsoziologin der University of Melbourne, begleitete die Mannschaft während der Entscheidungsphase. „Sie haben geweint, gewürgt, sich gegenseitig die Hände gehalten. Die Frage war nie: Wollen wir frei leben? Die Frage war: Welchen Preis zahlen andere für unsere Freiheit?“

Die fifa schaut weg – der verband auch
Weder der asiatische Fußballverband AFC noch die FIFA äußerten sich bisher zur drohenden Repression. Der iranische Verband teilte lediglich mit, man werde „disziplinarische Maßnahmen“ prüfen. Dabei dürfte die Schweigeminute auf dem Rasen nur die Spitze des Eisbergs sein. Seit der landesweiten Protestwelle 2022 haben mindestens 17 Sportlerinnen Iran verlassen; drei davon erhalten in Berlin Asyl, zwei leben anonym in der Türkei.
Für Khorrami und Rouzitalab beginnt jetzt ein Leben als Bürger zweiter Klasse: australische Duldung, keine Klubverträge, keine Familie am Telefon. Die australische Regierung sicherte ihnen vorläufige Schutzvisa zu, langfristige Arbeitspapiere sind aber ungewiss. Bis dahin trainieren sie abends in einem Park von Sydney, halten sich fit mit YouTube-Videos und träumen von einem Weltcup, an dem sie wahrscheinlich nie mehr teilnehmen dürfen.
Die Zahlen sind so klar wie brutal: 21 Spielerinnen riskieren Gefängnis, zwei riskieren ein Leben in der Fremde. Das Ergebnis steht fest – der Sieger heißt Angst.
