Hertha versiebt, kiel trifft: berliner aufstiegswochen werden zum horrorszenario
13 Torschüsse, ein abgepfiffenes Tor, ein zurückgenommener Elfmeter – und am Ende steht Hertha BSC mit leeren Händen da. Die alte Dame dominierte Holstein Kiel 82 Minuten lang, kassierte aber ausgerechnet beim zweiten Gästeschuss das 0:1. Jonas Therkelsen traf in der 63. Minute, versetzte damit den Olympiastadion-Koloss in einen kollektiven Schock und katapultierte die Störche auf ein Stückchen sicheren Boden im Abstiegskampf.
Die zahlen lügen nicht – und das ist das problem
0,8 Expected Goals für Kiel, 2,4 für Hertha. Trotzdem blinkt am Ende die 0:1-Anzeige. Die Berliner schaffen es einfach nicht, ihre Überzahl an Chancen in Zählbares umzumünzen. Schon vor der Partie war Hertha das Heimteam mit den wenigsten Toren der Liga, jetzt ist die Bude endgültig zum Spukhaus mutiert. Winkler, Reese, Karbownik – alle kamen sie an diesem Samstag an den Ball, keiner kam an Weiner vorbei. Der Kieler Keeper musste erst in der 37. Minute richtig zupacken, danach genügte ihm ein gelegentlicher Handgriff, um die Null zu wahren.
Die Szene des Spiels passierte kurz vor dem Pausentee. Gechter stolperte über Ivezic, Schiedsrichter Kampa zeigte sofort auf den Punkt – doch der VAR griff ein und strich den Strafstoß wegen Abseits im Vorlauf wieder raus. Die Entscheidung ist regelkonform, bleibt aber einfach nur bitter für die Hausherren. „Wir reden hier von Zentimetern, die über Saisonverlauf und Stimmung entscheiden“, schimpfte Hertha-Kapitän Fabian Reese nach Abpfiff durch gritted teeth.

Therkelsen trifft, berliner realitätsschock folgt
Kiel kam aus der Kabine wie geweckt, doch der neue Schwung hielt keine 180 Sekunden. Hertha spielte weiter wie aufgedreht, ließ den Ball laufen, schob die Störche hinten rein. Dann der lange Einwurf von rechts, ein Kopfballabwehrversuch rutscht durch, Therkelsen nimmt die Kugel volley – unten links, Tor. Zweiter Schuss der Gäste, zweiter Torschuss überhaupt, erste Großchance, erste Führung. Die Art von Treffer, die ganze Saisons verändern kann.
Die Antwort folgte auf dem Fuße. Karbownik köpft frei aus sechs Metern vorbei, Cuisance zirkelt einen Freistoß an die Lattenunterkante, Weiner lenkt einen Distanzschuss von Seguin um den Pfosten. Die Uhr tickt, das Publikum wird unruhig, die Spieler hektisch. Am Ende bleibt das Bild eines Teams, das sich selbst aushebelt – und eines Kontrahenten, der sich einmal trifft und dann mit Glück und Bürokratie über die Runden kommt.
Für Hertha bedeutet die Pleite den nächsten Rückschlag im Aufstiegsrennen. Aus fünf Spielen holte das Team nur vier Punkte, der Anschluss an die Aufstiegsplätze vergrößert sich auf fünf Zähler. Trainer Pál Dárdai sprach von „einem Tag, an dem der Fußballgott nicht mit uns war“. Die Wahrheit ist simpler: Hertha schießt keine Tore, weil sich keiner traut, die Verantwortung zu übernehmen. Zu viele Ballverluste im letzten Drittel, zu viele halbe Chancen statt klaren Abschlüssen.
Kiel reist mit drei goldenen Punkten nach Hause. Die Störche springen auf Relegationsplatz 16, haben die Qualifikation fürs Nachsehen selbst in der Hand. Trainer Marcel Rapp lobte seine Mannschaft für „cleverness und Leidensfähigkeit“, was im Klartext heißt: Wir haben uns reingekloppt und hatten einen Plan B, der funktioniert. Nächste Woche wartet Braunschweig, ein echtes Sechs-Punkte-Spiel. Hertha muss nach Magdeburg, wo die Fans nach diesem Debakel Antworten statt Alibis sehen wollen.
Die Saison ist noch nicht gelaufen, aber die Richtung ist klar: Wer seine Chancen nicht nutzt, wird bestraft – und zwar mit der kalten Präzision eines Therkelsen-Schlags. Berlin kann nur hoffen, dass der Knoten irgendwann platzt. Sonst droht ein zweites Jahr Zweite Liga – und das wäre für einen Traditionsklub einfach nur peinlich.
