Ganna ballt um sein traum-monument: „ich will geschichte schreiben, nicht nur folgen“
Mailand-Sanremo verspricht am Samstag wieder Spektakel – und diesmal soll der 2. Platz endlich der Vergangenheit angehören. Filippo Ganna hat genug davon, hinterherzufahren. „Ich will Geschichte schreiben, nicht nur folgen“, sagt er knapp. Die Zahlen sprechen für sich: zweimal Zweiter, 2023 und 2024, beide Male nur Van der Poel vor ihm. Die Niederlagen brennen.

Die cipressa frisst energie – und manchmal träume
Ganna kennt die kritische Stelle bis auf den Meter. „Nach Imperia, rechts in die Unterführung, dann kommt die Cipressa. Dort zählt kein Watt zu viel.“ Letztes Jahr riss Pogacar 250 Meter vor dem Gipfel an, Ganna ging mit, Van der Poel auch. „Einer der härtesten Kraftakte meines Lebens“, erinnert er sich. Doch er blieb dran – und verlor trotzdem den Sprint auf der Via Roma. Die Erinnerung daran ist ihm peinlicher als jede Regenwolke.
Deshalb hat er den Winter mit Ineos-Grenadiers neu kalkuliert: weniger Gewicht auf dem Körper, mehr auf dem Sattel. „Wir haben an allem geschliffen: Ernährungsplan, Übersetzung, Position. Das Ergebnis seht ihr Samstag.“ Dabei hilft ihm erstmals Elia Viviani als Zugpferd auf der Via Aurelia. „Elia kennt jede Bodenwelle. Seine Erfahrung ist Gold wert, wenn es 300 Kilometer lang um Sekunden geht.“
Die Taktik? Keine. Oder besser: alle. „Es gibt kein perfektes Szenario. Die Sanremo ist ein Puzzle ohne Randstücke. Wer zu frisch ist, verpasst den Angriff. Wer zu früh platziert, kocht vor dem Poggio.“ Ganna will diesmal angreifen, statt reagieren. „Wenn sich die Gruppe verkleinert, ziehe ich durch. Ein Sprint mit Pogacar und Van der Poel? Nur, wenn ich noch ein paar klare Synapsen übrig habe.“
Die Italiener-Fans geben ihm zusätzliche PS. „Wenn wir in Ligurien ans Meer kommen, tobt die Menge. Der Lärm trägt einen die letzten 40 Kilometer.“ Statistiker wissen: Kein Italiener hat seit 2010 in Sanremo gewonnen. Ganna will den Bann brechen – und sich in die Liste der Monument-Sieger eintragen, wo bereits seine Namensvetter Coppi und Bartali stehen.
Die Uhr tickt. Mit 27 Jahren ist er im besten Zeitfahrer-Alter, aber im Feld der Klassiker-Hasen schon ein „alter“ Junge. „Die Sanremo ist keine Altherren-Rennen, aber die Knochen merken dir jedes Jahr.“ Seine größte Angst: wieder ein Defekt. 2024 rutschte ihm die Kette auf der Abfahrt vom Poggio, die Gruppe war weg. „Ein Plattfuß oder ein Wackeln in der Schaltung – und du bist Geschichte statt Geschichteschreiber.“
Sollte er scheitern, wird er trotzdem nicht aufgeben. „Ich bin kein Sprinter, kein Bergfuchs – aber ich kann 300 Watt sechs Stunden halten. Das ist meine Waffe.“ Und wenn er dann Samstag um 17:05 Uhr die Via Roma unter die Räder nimmt, hofft er, dass diesmal nicht Van der Poels Hinterrad, sondern die Ziellinie sein Ziel ist.
Die Wetter-App zeigt 13 Grad und leichten Regen an. Perfekt für einen Zeitfahrer, der Wind hasst und Schauer liebt. „Nasse Asphalt bedeutet: Weniger Show, mehr Kalkül. Und Kalkül kann man trainieren.“ Für Ganna ist klar: Er will nicht nur das Rennen gewinnen, sondern auch die Geschichte, die danach erzählt wird. Samstag ist sein Tag – oder wieder nur eine Fußnote.
