Fußballwandel: ist der athlet von 1970 noch denkbar?
Die Zeiten ändern sich – und das gilt auch für den Profifußballer. Eine detaillierte Analyse der BBC zeigt, dass die körperlichen Voraussetzungen für Spitzensportler in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen haben. Was einst den Unterschied ausmachte, ist heute ein fundamentaler Unterschied zwischen Generationen.
Die physiologie entscheidet über sieg und niederlage
Dr. Orlando Laitano, Experte für Sportphysiologie an der University of Florida, vergleicht Carlos Albertos legendärem Tor bei der WM 1970 mit Di Marías Treffer in Katar. Während das brasilianische Meisterwerk von 30 Sekunden brillanter Teamarbeit zeugte, benötigte Di Marías Solo lediglich 12 Sekunden. Laitano stellt fest: „Ein solches Tor, wie Carlos Alberto es erzielte, wäre heutzutage schlichtweg nicht möglich.“ Die Zeit des eleganten, technisch versierten Spielers weicht dem des Hochleistungssportlers, dessen Körper ein präzises Werkzeug ist.
Die Analyse zeigt, dass die Spieler immer größer und schlanker werden. Die durchschnittliche Körpergröße ist seit 1973 um mehr als vier Zentimeter gestiegen. Besonders bei Torhütern und Verteidigern ist dieser Trend deutlich erkennbar, während bei Stürmern und Mittelfeldspielern eine leichte Abnahme zu beobachten ist. „Wir sehen eine Verschiebung hin zum athletischen, schlanken Körperbau“, so Laitano.
Alan Nevill, Mitautor der Studie, betont, dass die verbesserten Rasenflächen eine entscheidende Rolle spielen. „Früher, auf matschigen Plätzen, brauchte man Kraft, um sich durchzusetzen. Heute ermöglichen die gepflegten Oberflächen es leichteren, wendigeren Spielern, über längere Zeiträume Höchstleistungen zu erbringen.“

Geschwindigkeitsrausch: 8 km/h mehr als vor 50 jahren
Die Geschwindigkeit hat sich dramatisch erhöht. Während Spieler in den 1970er und 1980er Jahren selten die 30 km/h-Marke überschritten, liefen bei der WM 2022 mindestens zehn Akteure schneller als 35 km/h. Mbappé, Gordon und Van de Ven führen mit über 37 km/h das Ranking an – ein Unterschied von rund acht Kilometern pro Stunde zu den Fußballern von damals. Jens Bangsbo, Physiologe an der Universität Kopenhagen, erklärt: „Es geht heute um wiederholte Höchstleistungen. Die Spieler müssen ihre maximale Geschwindigkeit immer wieder erreichen.“
Die UEFA stellte bei der EM 2024 fest, dass die Spieler durchschnittlich zwölf Mal pro Spiel eine Geschwindigkeit von 25 km/h oder mehr erreichten. Verteidiger und Mittelfeldspieler beschleunigen achtmal, die Flügelspieler sogar 14 Mal. Die Intensität des Spiels hat sich also drastisch erhöht.

Die belastung steigt – die spieler werden älter
Obwohl die durchschnittlichen Laufdistanzen pro Spiel leicht gesunken sind, steigt die Spielhäufigkeit. Virgil van Dijk, beispielsweise, bestritt in dieser Saison bereits 68 Spiele. Die UEFA hat einen Anstieg der ischiotibialen Verletzungen festgestellt, wobei viele davon während Sprints oder Laufbewegungen auftreten. Laitano warnt: „Die Spieler arbeiten am Limit. Ohne ausreichende Erholung drohen sie zu versagen.“
Trotzdem gibt es positive Entwicklungen. Fortschritte in der Sportwissenschaft, von Trainingsplänen bis hin zur Ernährung und Regeneration, ermöglichen es den Athleten, länger auf höchstem Niveau zu spielen. Während 1990 nur sieben Spieler über 35 bei der WM dabei waren, sind es 2022 stolze 72. Die Medizin und das Training haben dem Fußball eine neue Ära beschert, in der körperliche Leistungsfähigkeit und Regenerationsfähigkeit entscheidend sind.
