Frauen in führung: der sport schlafwandelt in die zukunft

Sechs Frauen auf 100 Chefposten – das ist die Bilanz der Bundesliga-Saison 2024/25. Der Rest sind Männer, die sich gegenseitig „Morgen, Jungs“ wünschen und dabei vergessen, dass Sabine auch da ist. Ein System, das sich selbst blockiert.

Der club ist pleite – und merkt es nicht

17,5 Prozent der deutschen Sportvereine sehen sich laut Sportentwicklungsbericht existenziell bedroht, weil niemand das Ehrenamt übernehmen will. Gleichzeitig verwehren sie der Hälfte der Bevölkerung systematisch den Zugang zu den Vorstandsetagen. Die Logik: Wer sich nicht in unsere Sitzungszeiten zwängt, will es offenbar nicht wirklich. Dabei wäre genau das der Knackpunkt: Wer heute keine flexiblen Strukturen bietet, verliert morgen nicht nur Frauen, sondern auch die jungen Eltern, die Azubis und die 50-plus-Generation.

Julia Möhn von „Fußball kann mehr“ hat die Zahlen auf dem Schreibtisch liegen: 100 Aufsichtsratssitze, sechs weibliche Namen. Die Quote stagniert seit Jahren auf einem Niveau, das selbst die konservativsten Dax-Konzerne längst hinter sich gelassen haben. Warum? Weil Vereine Strukturen wie Festbeton pflegen: Sitzung ab 19 Uhr, drei Stunden minimum, Kinderbetreuung egal, Protokoll natürlich ehrenamtlich. Wer da nicht mitspielt, fliegt raus – oder kommt erst gar nicht rein.

„Weiblich“ gilt als synonym für „nicht durchsetzungsfähig“

„Weiblich“ gilt als synonym für „nicht durchsetzungsfähig“

Maike Stähler vom Projekt „Klischeefrei im Sport“ hört bei Workshops immer wieder denselben Satz: „Frauen sind doch eher fürs Soziale geeignet.“ Die Folge: Klubs vergeben Aufgaben mit Budgetverantwortung lieber an Männer, weil die ja „rational“ und „zielorientiert“ seien. Dass diese Stereotype längst widerlegt sind, interessiert kaum. Das Hirn spart sich gern Denkarbeit und greift auf alte Muster zurück – selbst wenn sie dem eigenen Verein schaden.

Der Bremer SV Werder zeigt, wie es geht: Doppelspitzen statt Einzelkämpfer, transparente Stellenbeschreibungen, interne Karrierewege für Ehrenamtliche. Ergebnis: Der Frauenanteil im Vorstand steigt, ohne dass jemand seine Seele verkaufen muss. Andere Clubs wie der HSV haben sich vergleichbare Ziele auf die Fahnen geschrieben. Die Message: Wer Vielfalt will, muss sie planen – nicht nur wünschen.

Die gute Nachricht: Der Wandel ist kein Geldproblem, sondern ein Kopfproblem. Und Köpfe lassen sich umdrehen. Wenn ein Verein bereit ist, seine Gremien neu zu denken, gewinnt er nicht nur Frauen, sondern auch neue Netzwerke, neue Sponsoren, neue Zukunft. Die schlechte Nachricht: Wer jetzt noch wartet, bis „sich das von selbst regelt“, wird bald vor verschlossenen Türen stehen – und hinter ihnen eine leere Geschäftsstelle finden.