Evenepoel wirbelt die ronde auf: startplatz statt barcelona-aus

Remco Evenepoel wird doch fahren. Sonntag, 278 Kilometer Kopfsteinpflaster, 110. Auflage der Ronde van Vlaanderen – und der Belgier mischt zum ersten Mal mit. Drei Tage nach seinem Nein in Barcelona kippte er das Nein in ein Ja. Der Grund? Red Bull will den Himmel auf Erden, und Evenepoel liefert sich mit Pogacar, Van der Poel und Van Aert ein Schaukelspektakel, das selbst die flandrischen Dörfer erzittern lässt.

Die kehrtwende in 72 stunden

Noch am letzten Tag der Volta a Catalunya winkte er ab: „Flandern liegt nicht in meiner DNA.“ Dann telefonierte der neue Red-Bull-Sportdirektor, und plötzlich war die DNA mutiert. Evenepoel hat zwei Monumente gewonnen, beide in Lüttich-Bastogne-Lüttich, beide als Solist. Kopfsteinpflaster, enge Gassen, Wind von links und rechts – das war ihm balsamische Theorie. Jetzt wird er selbst zur Prüfungsfrage.

Die Strecke kennt er nur aus YouTube-Halbwelt, die Hellinge nur aus Strava-Sekunden. Doch die Zahlen sprechen für sich: 202 Kilometern Distanz bis zur ersten Anstiegswelle, 18 Pflasterstücke, 2700 Höhenmeter. Evenepoel ist kein Klassik-Tourist, er ist ein Schwimmstartspezialist mit Zeitfahrschwung. Wer ihn unterschätzt, vergisst, dass er in Lüttich 46 Kilometer allein durch die Ardennen riss.

Vier superstars, eine krone

Pogacar träumt offen von allen fünf Monumenten in einem Jahr – ein Plan, der selbst Eddy Merckx zur Dreikäsehochzeit mutieren ließ. Van der Poel will den Titel verteidigen, Van Aert endlich den Fluch von 2021 abschütteln. Und Evenepoel? Er will beweisen, dass Zeitfahrer auch Kopfsteinpflaster fressen können, wenn der Rennkalender sie hungrig macht.

Die Fans sind bereits in Oudenaarde eingezogen, die Fahnen sind flandrisch rot, die Stimmen heiser. Die Wetter-App zeitet Regen an, was die Pflasterglattelei zur Roulette macht. Evenepoel hat Regenreifen bestellt, sein Sturzrisiko kalkuliert. Die Logistik ist ein Militäreinsatz: zwei Begleitwagen, sechs Satzräder, drei Regenjacken, ein Belgier mit Zittern im Blick.

Die 110. Ronde wird nicht nur ein Rennen, sie wird ein Referendum über die Zukunft der Monumente. Wer gewinnt, schreibt Geschichte. Wer verliert, schreibt Lehrpläne. Evenepoel hat nichts zu verlieren, außer seinem Mythos. Und genau das macht ihn gefährlich. Die Uhr tickt, die Pflaster warten, und die Ardennenläufer laufen in Flandern. Sonntag um 10:15 Uhr startet das Signal, und die Welt hält den Atem an – zumindest in Belgien.