Evenepoel schickt pogacar eine botschaft: „ich will die beste version von mir, nicht von ihm“
Remco Evenepoel tritt am Sonntag bei der Amstel Gold Race an – und liefert vorher eine Selbstverortung, die klingt wie ein Kampfansage an die Konkurrenz. Der Belgier redet nicht vom Stundenweltrekord, nicht mal von 2027. Stattdessen spricht er über Glauben, Teamwechsel und warum er Tadej Pogacar nicht als Fluch, sondern als Maßstab sieht.
„Der wechsel zu red bull kam zum perfekten zeitpunkt“
Evenepoel wechselte nach sechs Jahren Quick-Step zu Red Bull-Bora-Hansgrohe. Was folgte, war ein Winter voller neuer Trainingsimpulse, neuer Kommunikationspflichten – und einem neuen Gefühl. „Ich muss jetzt mehr Englisch sprechen, klar. Aber das ist nicht lästig, es zwingt mich, präziser zu denken“, sagt der 26-Jährige. Der frische Coach, das frische Setup, das treibe ihn wieder an. „Jedes Rennen wird jetzt ein Test, wie weit der Prozess schon ist.“
In den Grand Tours hat er vor sich mindestens Pogacar und Vingegaard, in den Frühjahresklassiken kommen Van der Poel und wieder Pogacar dazu. Evenepoel nimmt es mit einem Schulterzucken: „Ich konzentriere mich auf die beste Version von mir selbst – die habe ich noch nicht erreicht.“ Die Aussage klingt nach Psychotrick, ist aber Programm. Er will häufiger starten, weniger rechnen, mehr attackieren. „Früher habe ich manchmal zu viel nach den anderen geschaut. Jetzt frage ich: Was kann ich heute maximal geben?“

Stundenrekord? spätestens 2030 – vielleicht
Filippo Ganna hält die Marke bei 56,792 km. Evenepoel? „Definitiv nicht 2025, eher nicht 2027. Wenn, dann 2030 oder später“, sagt er und lacht über die italienische Neugier. In seinem Stall sitzt mit Dan Bigham zwar ein ehemaliger Weltrekordler, doch Evenepoel biegt das Thema weg: „Ich bin nie ein Bahnspezialist gewesen. Erst muss ich lernen, wie man 60 Minuten in einer Linie bleibt.“

„Zuhause reden wir nicht über zahlen, sondern über leben“
Die Belastung in Belgien ist enorm. Evenepoel wurde als Teenie zum Nationalhelden, kannte die Mikrofone schon vor seinem ersten Profisieg. Mittlerweile habe er gelernt, Druck nicht mitzuschleppen. „Ich komme vom Training, meine Frau Oumi fragt: ‚War’s schön?‘ Dann ist Schicht im Schacht.“ Die beiden teilen seit der Hochzeit 2022 denselben Glauben – sie ist muslimisch, er konvertiert schrittweise. „Ich lerne jeden Tag. Religion ist kein Checkpunkt, sondern ein Weg“, sagt er und klingt dabei so entspannt, als redete er von einer neuen Trainingsmethode.
Dass Simon Yates nach nur zwei Rennen die Saison unterbrach, nennt er „eine sehr persönliche Entscheidung“. Selbst kenne er Phasen, in denen das Kopfkino überschwappt. „Wer nur noch Kettenblätter und Watt sieht, verliert das Lenkrad im Leben.“ Seine Lösung: bewusst abschalten, Familie vorziehen, „weil Radsport nicht ewig ist – Ehemann und Vater schon“.

Pellizzari und der giro: „der podeststurm ist nah“
Sein neuer Teamkollege Giulio Pellizzari wird beim Giro d’Italia Kapitän. Evenepoel schwärmt: „Er bringt gute Laune, frische Energie. Wenn du bereit bist für Top 3, bist du auch bereit für den Sieg.“ Eine indirekte Ansage an die Konkurrenz – und an sich selbst.
Am Sonntag geht’s auf den Cauberg. Evenepoel will keine Prognose abgeben, aber die Körpersprache verrät: Er ist nicht nach Limburg gefahren, um sich zu verstecken. „Ich will gewinnen – aber auf meine Art.“ Die Art, die ihn von Pogacar unterscheidet. Die Art, die er endlich vollends zeigen will.
