Evenepoel erwischt godon um millimeter und denkt schon an die alpen

Remco Evenepoel stampfte über die Zielplatte, schaute sofort aufs Display – und wischte sich nur die Schweißperlen weg. Dorian Godon hatte die erste Etappe der Volta a Catalunya um einen halben Umfang des 28-Millimeter-Reifens gewonnen. Für den Olympiasieger war das keine Tragödie, sondern eine Visitenkarte mit kleinem Makel. 195 Kilometer, ein Schneesturm auf Teneriffa und ein Jet im Sonderflug später zeigt sich: Der Belgier ist bereit, auch wenn das Etappenglück noch nicht auf seiner Seite steht.

Godon nutzt den wind, evenepoel nutzt die antwort

Die Entscheidung fiel in Sant Feliu de Guíxols, wo ein plötzlicher Seitenwind die Gruppe zerriss. Godon (Decathlon-AG2R) schaltete als Erster in die letzte Kurve, Evenepoel folgte auf Position zwei, konnte aber nicht mehr vorbeiziehen. „Ich habe keine Sekunde gezögert, aber er hatte einfach die besseren Beine“, sagte der 26-Jährige und klang dabei, als würde er sich selber analysieren wie einen Gegner. Der Rückstand: keine Sekunde, sondern ein Radumdrehung.

Teamkollege Florian Lipowitz kam auf Rang 17 und konzentriert sich auf die Bergetappen. Der 22-jährige Münchner soll in diesem Jahr Lernkilometer sammeln, nicht Podestplätze. „Die ersten drei Tage sind meine Schule“, sagt er. Bester Deutscher war Henri Uhlig (Alpecin-Deceuninck) als Achter. Für den 24-Jährigen war das kein Zufall, sondern die Quittung für kalte Wintereinheiten auf Mallorca.

Vingegaard und onley lauern schon

Vingegaard und onley lauern schon

Godon trägt jetzt das Bergtrikot, Evenepoel das Ziel im Kopf. Die 103. Volta führt am Mittwoch über wellige 167,4 Kilometer von Figueres nach Banyoles – ein Profil, das auf Papier nach Sprintern aussieht, in Wahrheit aber Fallen für jeden Klassementfahrer birgt. Jonas Vingegaard (Visma-Lease a Bike) und Oscar Onley (Team DSM-Firmenich PostNL) haben sich gestern noch hinterm Feld versteckt, doch ihre Blicke richten sich bereits auf die Pyrenäus-Etappen am Wochenende.

Die Wetterkarte verspricht Sonne, aber in den Hängern von Girona kann ein einzelner Windstoß die Gesamtwertung kippen. Evenepoel kennt das Risiko. Er hat es schon einmal geschafft, hier zu gewinnen – 2023, als er auf der letzten Etappe nach Montjuïc alle wegkatapultierte. Diesmal will er den Schlusspunkt in Barcelona setzen, nicht schon am ersten Tag.

Die Uhr tickt. Noch sieben Etappen bis zur Rambla. Und Godon? Der feiert seinen zweiten WorldTour-Sieg überhaupt, weiß aber, dass die Königsetappe am Samstag die Rechnung ohne ihn schreibt. Evenepoel hat schon wieder gelächelt – dieses gezackte Lächeln, das sagt: Morgen geht die Jagd weiter. In diesem Millimetersport reicht ein Treten, um Geschichte zu schreiben oder nur Fußnote zu bleiben.