Estupiñán schießt milan zum derby-sieg – und sich aus dem twitter-grab

Der Linksverteidiger, der vor Wochen noch als Gag-Namen durchs Netz ging, traf Inter mit einem Haken aus 16 Metern. Die Kurve brach zusammen, der Titelkampf lebt – und ein Spieler findet sich selbst.

Der tag, an dem der meme-star zum matchwinner wurde

Pervis Estupiñán hatte den Spott der eigenen Fans auf sich gezogen wie Regenwasser ein kaputtes Blatt. Memes zeigten ihn mit verbundenen Augen, als wüsste er nicht, wo das Tor steht. Dann kam der 175. Derby della Madonnina. 78. Minute, Stand 1:1, Leao legt raumauf nach links. Ein Schritt nach innen, der zweite Kontakt saust mit dem Spann in den rechten Winkel. Ein Tor, das nicht nur drei Punkte wert ist, sondern Selbstbewusstsein versiebtelt. „Wichtigster Treffer meiner Karriere“, sagt der Ecuadorianer, ohne Jubelpose, dafür mit Tränen in den Augenwinkeln.

Die Szene war kein Zufall. Massimiliano Allegri hatte die Woche über Extra-Einheiten mit ihm verbracht, Anlaufwege gezählt, die Laufzeit von Rafael Leao mit GPS vermessen. „Er sollte die Linie nicht früh verlassen, sondern den Ball im Rückraum empfangen“, sagt der Coach. Estupiñán folgte der Anweisung, bis er den Moment fand, in dem Inter linksüberladt stand und Dumfries zu weit drin. Ein Sprint, ein Haken, ein Schuss – 2:1.

Die Zahlen sind gnadenlos: Vor dem Derby lag seine Passgenauigkeit bei 71 %, die Zweikampfquote bei 46 %. Im Derby: 89 %, 75 %. Kein anderer Milan-Spieler gewann mehr Duelle. Twitter schwieg, Instagram explodierte. Cafu, dem sein Rückennummer 2 ehrt, schickte eine Sprachnote: „Jetzt zeigst du, warum ich dich geliebt habe.“

Von der ersatzbank zur scudetto-keule

Von der ersatzbank zur scudetto-keule

Noch vor drei Wochen schien Bartesaghi der neue Favorit. Der 19-Jährige kam aus der Primavera, spielte souverän gegen Atalanta, schien Estupiñán auf die Tribüne zu drängen. Dann die Verletzungspause, dann das Comeback – und plötzlich steht Milan mit 16 verschiedenen Torschützen aus 20 Feldspielern da. Breite statt Star-Ensemble, so lautet das Motto.

Der Sieg lässt die Tabelle atmen: Milan liegt nur noch zwei Punkte hinter Inter, die Serie A erhält eine neue Dramaturgie. Für Estupiñán geht es ums Selbstverständnis. Sein Vertrag läuft 2026, eine Ausstiegsklausel über 18 Millionen kursierte bereits. Nach dem Tor schob der Klub ein Statement nach: „Wir planen langfristig mit ihm.“ Die Botschaft: Wer den Derby-Killer trägt, darf bleiben.

Abends fährt er zurück nach Varese, 35 Minuten nordwestlich, wo seine Frau und die beiden Töchter warten. Die jüngste schaut das Tor im Loop, 23 Mal hintereinander. „Papá, nochmal!“ Estupiñán lacht. Draußen wartet der nächste Gegner, doch für eine Nacht ist er kein Twitter-Witz mehr, sondern der Mann, der den Titelrennen neue Räder verpasst hat.