Elio schlägt sich auf italiens seite: „diese mannschaft lässt mich vom stuhl hüpfen“

Stefano Belisari, für alle nur Elio, sitzt in seinem Mailänder Wohnzimmer und schaut noch einmal das Video von Vinnie Pasquantinos Steal gegen Puerto Rico. „Ich bin fast vom Sofa geflogen“, sagt er und lacht so laut, dass das alte Ares-Milano-Poster an der Wand klirrt. Der Sänger der legendären Elio e le Storie Tese ist seit Jahrzehnten Vizepräsident des Baseballclubs Ares Milano – und seit dem 10. März 2023, dem Tag des 6:3 gegen Kuba, offiziell Fan der italienischen Nationalmannschaft.

Die whatsapp-nacht, in der alles begann

Kurz nach Mitternacht schrieb er dem Reporter dieser Zeilen: „Ihr habt gestern drei Zeilen gebracht, das war’s.“ Er meinte die Gazzetta dello Sport. Belisari schickte seine Nummer, forderte mehr Raum für Baseball – und bekam ihn. Jetzt, drei Wochen später, sitzt er da, 66 Jahre alt, Hoodie der Boston Red Sox, Kaffeetasse mit Toronto-Blue-Jays-Aufdruck, und erzählt, warum ihn diese Squadra Azzurra „erst lachen, dann weinen lässt“.

„Sie spielen nicht nur Siege, sie spielen eine Identität“, sagt er. „Alle kommen aus den USA, Kanada, Venezuela – aber reden wie Brioni aus Bologna. Das ist kein Marketing, das ist Heimweh, das sich in Double Plays verwandelt.“

Mit besenstiel und skihandschuh gegen judge

Mit besenstiel und skihandschuh gegen judge

Als Kind spielte Belisari im Hof des Vigentino mit Besenstielen und Tennisbällen. „Wir hatten keine Schläger, aber wir hatten Tullio Turci, einen echten Europhon-Spieler, der uns beibrachte, wie man einen Curveball wirft.“ Später war er mit Freund und Bandmanager Faso beim Spring Training der Atlanta Braves in Florida, fing Bälle mit Greg Maddux, bekam Tipps von Chipper Jones. „Die haben uns eingeladen, weil sie unseren Song ‚La terra dei cachi‘ mochten. Baseball und Elio – das passt, beides ist verrückt und schön.“

Jetzt schaut er Aaron Judge, 360-Millionen-Dollar-Star, von der Italian-Bench aus. Letzter Out gegen die USA. „Ich habe das Video 20 Mal gesehen. Judge schlägt, Matt Harvey warft den Slider, Strike drei, und plötzlich jubeln unsere Jungs, als hätten sie eben ‚Born in the USA‘ unplugged gecovert.“

Der idioten-vergleich und das italienische geheimnis

Der idioten-vergleich und das italienische geheimnis

Belisari zieht die Parallele zu den Boston Red Sox von 2004, die sich selbst „The Idiots“ nannten. „Diese Azzurri sind dieselben Verrückten. Keine Angst vor Respekt, keine Star-Allüren. Pasquantino klaut Base wie ein junge Fellini, Fischer zeigt Tätowierungen von Sinatra und Springsteen – beides Italiener vom New Jersey, versteht sich.“

Was niemand erzählt: Mike Piazza half beim Aufbau, Fran Cervelli spricht den Jungs italienische Flüche bei, und Pitching Coach Alessandro Maestri schrieb mit Belisari das Buch „Mi chiamavano Maesutori“. „Wir haben uns jeden Morgen während des Turniers geschrieben. Er schickt mir Videos von Kreuzband-Dehnungen, ich schicke ihm Lyrics von ‚John Holmes (una vita per il cinema)‘. Baseball ist ein Roman, kein Spielbericht.“

Warum gerade jetzt jeder vom baseball redet

Warum gerade jetzt jeder vom baseball redet

In Bars von Rom bis Turin fragt man sich, was ein “full count“ ist. TikTok-User posten Clips von Antonacci, der eine nicht vorhandene Ballfänge-Animation spielt, um einen mexikanischen Läufer zu täuschen. „Das ist kein Trick, das ist italienischer Jazz“, sagt Belisari. „Wir haben keinen Mike Trout, aber wir haben Geschichten. Und Geschichten verkaufen sich besser als Homeruns.“

Die Quote des Senders Sky Sport stieg während Italien-Spielen um 312 %. Der Hashtag #ItaliaBaseball war in den USA für sechs Stunden Trending. „Sogar mein Friseur, der sonst nur über Fußball redet, wollte wissen, wie man einen Sacrifice Bunt erkennt. Ich sagte: ‚Genauso wie einen guten Refrain – Timing, leise Intelligenz, dann Explosion.‘“

Das finale, das kein finale ist

Das finale, das kein finale ist

Italien schied im Halbfinale gegen Venezuela aus, das Turnier ging nach Miami, nicht nach Mailand. „Egal“, sagt Belisari. „Wir haben eine Fangemeinde geboren. Ich bekomme täglich Nachrichten von Leuten, die neue Caps kaufen, Kinder, die sich Pasquantino aufs Schulheft kritzeln. Das ist kein Hype, das ist ein kleines Erdbeben im italischen Sport.“

Er steht auf, holt einen alten Handschuh aus Leder, First-Base-Modell, Mitte der 80er. „Den trage ich beim nächsten Ares-Training. Dann spielen wir wieder mit Besenstielen, aber diesmal schauen 200 Leute zu. Und alle wissen: Baseball ist nicht MLB-Fernsehen, Baseball ist Heimweh, Humor, Herzschlag.“

Am Ende bleibt ein Satz hängen, den er nach der Niederlage gegen Venezuela per WhatsApp schrieb: „Weil wir verloren haben, wissen wir jetzt, dass wir gewinnen können.“ Mehr italiano geht nicht.