Dortmund-krawalle: fanforscher warnt vor neuem eskalationslevel

Knochenbrüche, Tränengas, Solidaritätsbanner bis in die Südtribüne hinein: Die Westfalenmetropole liefert nach dem 2:3 gegen Bayern nicht nur Fußball-Krimi, sondern eine Randale mit Vorbildcharakter. Die Folge: Fanforscher Harald Lange sieht eine „härtere Rhetorik“ auf beiden Seiten und fordert ein rhetorisches Abrüsten – sonst droht der Import von Madrider Zuständen in deutsche Stadien.

Was zwischen einlasskontrolle und gästeblock geschah

Laut Polizei versuchten rund 150 Münchner Anhänger, um 17.45 Uhr die Drehkreuzsperre am Borsigplatz zu sprengen. Ein Ordner erlitt einen Nasenbruch, Beamte zogen den Schlagstock, Gäste-Fans antworteten mit Flaschen. 37 Minuten später herrschte Pyro-Dunkelheit im Block 83A, als „Bullenterror stoppen“ über der Gelben Wand leuchtete – ein Banner, das normalerweise nur Ultra-Gruppen der Heimfans hissen.

Die Südkurve München kontert mit einem 1.300 Worte schweren Manifest: „Spanische Verhältnisse“ seien erneut Realität, heißt es darin und verwischt damit die Grenze zwischen Dortmund 2026 und Madrid 2017, als deutsche Anhänger von spanischen Einsatzkräften niedergeknüppelt wurden.

Die zahlen, die beide lager schweigen lassen

Die zahlen, die beide lager schweigen lassen

Die ZIS-Bilanz 2025 zeigt: 221 weniger Verletzte bei einer Million Zusatzzuschauer – eigentlich ein Plus. Doch die absolute Zahl der Einsätze mit „Reizstoff“ stieg um 18 Prozent. Fanforscher Lange filtert daraus ein Muster: „Die Gewalt sinkt, die Eskalationsgeschwindigkeit steigt“, sagt er im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt. Ursache sei nicht der Einzelfall, sondern die Twitter-Geschwindigkeit, mit der jede Rangelei zum Mythos wird.

Beispiel Samstag: Erst der Vorfall, dann das Foto von blutenden Bayern-Fans – binnen 240 Sekunden lag die Nummer 1 auf deutscher Trends. Ergebnis: Im BVB-Block entsteht innerhalb von fünf Minuten das nächste Solidaritätsbanner, während die Polizei noch die Personalien aufnimmt.

Warum der deutsche fußball vor einem systemwechsel steht

Warum der deutsche fußball vor einem systemwechsel steht

Langes Kernthese: Die Bundesliga rüstet sich für den internationalen Normalzustand. Wer früher nur bei Euro-Auswärtsfahrten mit Schlagstöcken rechnete, sieht sich nun schon im Nachbarfederalstaat bedroht. Die Folge: Ultra-Gruppen vernetzen sich flächendeckend, was die Polizei wiederum mit größeren Begleittruppen beantwortet. „Ein Wettrüsten im Kleinformat“, so Lage.

Kurzfristig fordert der Würzburger Professor einen „Störer-Tag“: Einmal pro Saison sollten Fan- und Polizeivertreter gemeinsam das vergangene Halbjahr Revue passieren lassen – ohne Presse, ohne Statements, nur mit Excel-Listen und Bändern. „Wenn wir das nicht schaffen, importieren wir irgendwann italienische Stadionverbote und französische Präventivhaft“, warnt er.

Die nächste Testphase folgt schon am 8. März: Auswärtsblock in Freiburg, bayernnahes Baden-Württemberg, kurze Anreise – ideale Bedingungen für eine neue Eskalationsrunde. Lange betont: „Die Saison ist noch lang, aber die Geduld wird kürzer.“ Die Kamera läuft bereits.